Ben Blutzukker

Verfasst am 01. November 2017 von Michael Klein (Kategorie: Band Of The Month, Regionale Bands) — 150 views

Ein unbeschriebenes Blatt ist der Wahl-Aschaffenburger Ben Blutzukker nicht. Als Ex-Musiker der Krefelder Death-Thrasher Jormundgard und Kopf des Dark-Electro-Acts blutzukker hat er bereits Erfahrungen in gänzlich verschiedenen Genres sammeln können. Erfahrungen, die man seiner zweiten EP anhört. Auch wenn diese weder nach derben Knüppelorgien noch nach düsteren E-Sounds klingt, sondern eher schnörkellosen, leicht doomigen Metal im Fokus hat.

Längst überfällig, schnappten wir uns den sympathischen Musiker und trafen uns auf ein Bier und Whisky im gemütlichen Dead End.

 

 


Metal-Aschaffenburg: Hi Ben! Reden wir doch zuerst kurz über deinen bisherigen Weg, denn du hast dich ja bisher schon in etlichen Genres ausgetobt.

Ben Blutzukker: Ja, meine erste Band bestand aus einigen Schulfreunden. Wir hatten spontan geschaut, wer welches Instrument spielt und so bin ich also eher durch Zufall zum Bass gekommen. Damals haben wir viel gecovert. Nach Studienbeginn war es dann aber auch schon vorbei mit der Band.

In der Zwischenzeit hatte ich die Jungs von Jormundgard kennen gelernt. Eine Black-/Thrash-Band aus der Ecke Krefeld. Der damalige Bassist/Sänger wollte lieber Gitarre spielen, da habe ich mich quasi aktiv adoptieren lassen. Songs habe ich dort aber keine geschrieben. Als es dann irgendwann darum ging, ein Album aufzunehmen, hat mich das total fasziniert. Dieses große analoge Mischpult mit zwei 8-Spur-Geräten. So habe ich dann das Debüt aufgenommen. Ohne großartiges Vorwissen.

Irgendwann wollte ich dann selbst Musik machen und habe festgestellt, dass ich das mit anderen Leuten irgendwie schlecht kann. Ich wollte in Richtung schwarze Szene, weil ich das zu dieser Zeit sehr gern mochte. Und ich habe festgestellt, dass ich das auch zu Hause selbst produzieren kann.

Anfang der 2000er konnte man zu Hause keinen Metal aufnehmen oder zumindest deutlich schwieriger als heute.

Dann kam dein Dark-Electro-Projekt blutzukker, auf dessen Songs auch deine erste Metal-EP von 2015 basierte. Diese Stücke hattest du für „Analog Blood“ ummodelliert und in ein metallischeres Gewand gekleidet. Die Songs auf „Riptide“ sind nun aber die ersten, die gezielt für eine Ben-Blutzukker-Veröffentlichung geschrieben wurden. Welchen Einfluss hatte dieser Umstand auf das Songwriting?

Ich war vor allem freier in der Gestaltung. Die alten blutzukker-Songs hatten zum Beispiel keine Passagen für Gitarrensolos, daher sind auf der „Analog Blood“ auch keine zu finden. Ansonsten sind die neuen Songs ein Mix aus alten und neuen Ideen. Manche Riffs schwirrten mir schon seit 15 Jahren im Kopf, andere sind mir erst dieses Jahr in den Sinn gekommen.

Besteht auf diese Weise nicht die Gefahr, dass man betriebsblind wird und ungefiltert auch eher „schlechte“ Ideen in Songs landen?
Du hast ja keine andere Instanz, die dir mal sagt, wenn ein Riff etc. Mist ist.

Ich hab schon ein paar Leute, denen ich die Ideen vorspiele und an solch außenstehenden Meinungen definitiv interessiert. Aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, wie viel ich wirklich darauf höre.

Klar, die Solo-Situation hat ja auch Vorteile.

Aktuell kann ich mit dieser Konstellation wirklich gut leben. Ich kann so einfach mal drei Wochen am Stück, jeden Tag an neuem Material arbeiten und dann aber auch drei Monate gar nicht. Das ist mit anderen Leuten schwierig.

Fehlt dir denn das live spielen?

(überlegt lange) Hmmm. Das ist schwer für mich zu beantworten. Ich hab damals natürlich schon gerne live gespielt.
Manchmal hätte ich schon Bock, auf Konzerten zu spielen. Andererseits weiß ich, dass ich am meisten Spaß an der Produktions- und Recording-Sache habe.

Es gibt ja auch viele „große“ Musiker, denen Live-Gigs keinen Spaß machen, weil sie die pure Reproduktion nicht mögen. Den kreativen Prozess aber umso mehr.

Als ich einige Zeit in Nürnberg wohnte, hatte ich Gitarrenunterricht und keine Ambitionen, mir eine Band zu suchen.

Hier in Aschaffenburg habe ich mir aber tatsächlich überlegt, neben meinem Solo-Projekt zusätzlich nach einer echten Band zu suchen. Dort dann als der „ideenlose Bassist“. (lacht) Was ich aber angetestet habe, hat nicht richtig funktioniert. Und eine Coverband wollte ich nicht. Dann habe ich das wieder aufgegeben.

Stattdessen hast du bis jetzt zwei EPs herausgebracht…

(grinst) … ich kenn die nächste Frage schon! Bestimmt „machst du auch mal ein Album“?

Bei mir nicht, denn ich bin großer EP-Fan. (lachen)
Aber dann greife ich das trotzdem gerne auf: Kommt denn ein Album?

Ich weiß nicht. (grinst)
Eher eine EP. Es kann sogar noch extremer werden. Vielleicht sogar eine Single.

Es gibt einen Song, den habe ich vor lange Zeit in der Coverband gespielt, dann auch bei blutzukker – der war aber schon immer als Rock-Song geplant.
Er ist eine Mischung aus Lacrimosa, Theatre Of Tragedy, Manowar und Moonspell. Die vier hatte ich alle im Kopf. Den würde ich gerne als die Version produzieren, die ich damals im Kopf hatte. Mit Keyboards und Orchestersamples.
Und da hadere ich, ob ich ihn als Single oder auf einem Album herausbringe.

Na bei der Mischung bin ich ja gespannt!
Es ist ohnehin extrem schwer, jemandem deine Musik zu beschreiben. Einfach Metal?

Ich habe mir diese Frage auch schon gestellt und einige Kumpels gefragt. Am ehesten konnten wir uns tatsächlich auf Heavy Metal einigen. Eher düster, mit Gesang aus Richtung Black Metal. Dort aber eher aus der Ecke Immortal. Nicht aus der kreischenden Richtung.

Ich finde auch Venom immer noch einen guten Ansatzpunkt.

Satyricon kamen auch schon als Vergleich auf. Es ist aber in der Tat schwer einzuordnen.

Selbst bei Heavy Metal – da denkt der Eine an Iron Maiden, der Andere an Judas Priest…

Ich glaube, das liegt aber auch daran, dass ich keine Zielvorgabe habe. Auch vorher schon bei blutzukker. Mal ist ein Song Dark Electro, mal Synthie-Pop, mal Industrial.
Ich mache Musik und Sammle Ideen. Inspirationen – ohne das Gefühl, dies wirklich zu steuern. Wenn mir eine Idee gefällt, dann behalte ich sie.
Da kommt es dann schon vor, dass die Songs stilistisch nicht deckungsgleich sind.

Dafür klingt „Riptide“ aber sehr in sich schlüssig!
Das coole Artwork der Scheibe erinnert an die mythologischen Ungeheuer Scylla und Charybdis.

Als ich auf die Suche nach dem Artwork ging, hatte die Platte eigentlich noch einen anderen Arbeitstitel. Aber als ich dann dieses Bild bei CadiesArt aus Brasilien entdeckte, wusste ich sofort, dass „Riptide“ der Hauptsong der Platte werden muss. Das Bild unterstrich einfach das Gefühl, dass ich beim Schreiben der Lyrics des Songs hatte.

Genau zu diesem Stück entstand auch ein sehenswertes Lego-Animations-Video.

Ja, das Video ist echt der Hammer geworden! Ich habe dafür A&M Studios Brickfilms aus Österreich beauftragt, die sich damit gut auskennen. Andreas hatte für mich bereits vor ein paar Jahren ein Video dieser Machart für meine alte Band gemacht. Aber dieses hier ist noch mal um Welten besser geworden!

Im Video steckt immens viel Arbeit. Einen Einblick gibt es im VFX-Video.

In Anlehnung an diesen Clip gibt es die EP nicht nur als Download, Stream und CD, sondern auch als Lego-USB-Minifigur.

Ebenfalls richtig gut geworden ist „Six Sec Sex“, eine Coverversion der Ex-Supergroup Illwill, die sich seinerzeit aus Musikern aus dem King-Diamond-Umfeld zusammensetzte. Diese Perle aus den Neunzigern ist jedoch nur auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl, oder?

Nun, mein Lieblingsmusiker ist Snowy Shaw. Er war damals Teil dieser Band und hat auch die Lyrics zu diesem Song geschrieben. Mit meiner alten Band haben wir früher diesen Song schon in unser Live-Set eingebaut. Daher hatte er mich einfach nicht losgelassen, bis ich nun endlich meine eigene Version davon aufgenommen habe.

Was ich bemerkenswert finde, ist die Tatsache, dass deine großen „Vorbilder“ (eben jener Snowy Shaw, Manowar und Guns N‘ Roses) in deinem Sound so gut wie gar nicht findet…

Wenn ich nach Vorbildern gefragt werde, zähle ich Musiker auf, die mir gefallen. Wie viel davon letztendlich in der Musik landet, steuere ich gar nicht. Ich setze mich ja nicht hin und plane das.

Bei Snowy ist es einfach das Gesamtkonzept, das mir gefallen hat. Meistens. Außer Therion – damit konnte ich nix anfangen. Aber auch vorher schon.
Er hat ja auch schon Black-Metal-angehauchte Sachen gemacht. Notre Dame zum Beispiel, die eine irre, fiktive Bandgeschichte mit Vampiren und so aufgefahren haben. Black Metal, ja. Aber nie verbittert ernst.
Deswegen kann man auch Abbath gut aufführen. Seine Musik ist auch hart. Aber er nimmt sich partout nicht ernst.

Das Cover der ersten EP ist zumindest augenscheinlich von Guns N‘ Roses inspiriert.

Klar, das war die Band, die ich als erstes live gesehen habe. 1993 Use Your Illusion World Tour.
Musikalisch ist da bei mir nichts weiter zu finden. Aber es wäre fast dazu gekommen. Eigentlich hatte ich zwei Coversongs für die neue EP aufgenommen. War aber gesanglich nicht zufrieden. „Garten Of Eden“ – ein superhektischer Song mit diesem One-Take-Video.

Ich kann ja auch immer nur ein paar Bands aufzählen. Aktuell höre ich zum Beispiel viel Winterfylleth. Ein Song, den ich noch in Petto habe, erinnert mich sehr daran. Cradle höre ich auch viel.

Ebenfalls eine Band mit vollkommen eigenem Sound. Zwei Sekunden und man weiß, dass es die Cradles sind.
Das hört man auf deiner ersten EP noch mehr heraus, finde ich.

Als ich damals für blutzukker Elektro-lastige Songs geschrieben habe, hat der damalige Live-Keyboarder immer gesagt: Aber man hört schon raus, dass du Metaller bist! (lacht)

Was auch eine wiederholende Rolle spielt, ist das Thema Vampire.

Das ist in den letzten Jahren medial sehr viel geworden. Aber für mich waren seinerzeit Filme wie „The Lost Boys“, „Fright Night“ – nicht die Neuverfilmung! – sehr beeinflussend. Und gerade noch „Blade“ und „Underworld“. Von Bandseiten her noch Theatres Des Vampires und Notre Dame. Das habe ich als Thema bis heute nicht verloren. Bei einem Song der neuen EP war das bewusst so geplant.

Auf der anderen Seite ist z. B. bei einem Song wie „Riptide“ nicht hörbar, dass die eigentliche Intention „Zufriedenheit im Job“ war. Die mir damals gefehlt hatte, weil immer mehr Leute aus einem Projekt ausgestiegen sind. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.

Dann hoffen wir mal, dass du nicht die Lust an deinem Solo-Projekt verlierst und weiterhin so cooles Zeug veröffentlichst!

(mk)

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