Rock Hard Festival 2022

Verfasst am 06. Juni 2022 von Michael Klein (Kategorie: Festival-Rezensionen) — 399 views

03. – 05.06.2022, Amphitheater Gelsenkirchen

Als ich in unserem Bericht von 2019 abschließend schrieb „bis nächstes Jahr!“, konnten wir noch nicht absehen, dass das Festival in den kommenden zwei Jahren einer globalen Pandemie zum Opfer fallen wird.

Doch nun darf im Amphitheater endlich wieder gebangt werden!

Das Veranstaltungsteam konnte große Teile des für 2020 geplanten Billings in dieses Jahr retten und die entstandenen Lücken mit anderen, coolen Acts füllen.

Auf ins Getümmel!


 

Freitag, 03.06.2022

Da unser ICE wegen eines Notarzteinsatzes in Siegburg stehen bleiben muss, kommen wir erst mit einiger Verspätung im Gelsenkirchener Nordsternpark an, verpassen Neck Cemetary und vernehmen nur noch die letzten drei Stücke von Sorcerer.

Der Traube an Menschen vor der Bühne nach zu urteilen, haben die Schweden-Doomer aber wohl alles richtig gemacht. Mit Hits wie „The Dark Tower Of The Sorcerer“ oder „The Crowning Of The Fire King“ hat man aber auch einfach gute Karten.

Anschließend pflügen die Nifelheim-Zwillinge „Tyrant“ und „Hellbutcher“ mit Stücken wie „Sodomizer“, „Posessed By Evil“ oder „Satanic Sacrifice“ tiefe Furchen in die Menge. Wer die Truppe zuvor nur auf ihr Nieten und Leder-Image reduziert hat, wird schnell eines Besseren belehrt, denn die Schweden-Urgesteine bieten eine hochklassige Performance, bei der trotz aller humoristischen Züge authentischer, räudiger Black Metal im Mittelpunkt steht. Super! Da nickt sogar Sacred Reichs Phil Rind, der sich einen Teil der Show vom Seitenrand der Bühne anschaut.

 

In den Umbaupausen zwischen den Bands erfreuen wir uns an der gewachsenen Anzahl an veganem Festivalessen (Döner, Zwiebelfleisch, Burger, Kartoffelspezialitäten, Nudeln, Crepes!) und stärken uns für die letzten drei Bands des Tages.

 

Anschließend freuen sich Axxis sich über ihre Premiere in Gelsenkirchen und starten mit dem Titelsong ihres letzten Full-length-Albums „Monster Hero“ in das Set. Die Band zeigt sich wie immer extrem spielfreudig und wird von einer beeindruckenden Menge vor der Bühne gebührend abgefeiert, die froh ist, den „Virus Of A Modern Time“ größtenteils hinter sich zu haben und statt dessen das „Kingdom Of The Night“ oder „Blood Angel“ abzufeiern.

 

Es folgt die abschließende Doppel-Thrash-Metal-Keule mit Heathen und Sacred Reich. Beide Bands haben eine treue Fangemeinde auf dem Rock Hard Festival und lassen dementsprechend nichts anbrennen. Thrash Metal in Gelsenkirchen geht halt immer!


 

Samstag, 04.06.2022

 

Dass nicht nur für uns der Samstag der stärkste aller drei Tage ist, zeigt die „Ausverkauft“-Meldung am Abend.

Und schon bei Indian Nightmare ist Mittags richtig was los vor der Bühne. Und auf der Bühne! Die Speed Metal Rock´n´Roller geben von Anfang an Vollgas und lassen sich auch von gerissenenen Bassgurten nicht bremsen. Drummer Lalo hat sich das Spinnennetz-„Corpsepaint“ von Nifelheim ausgeborgt und drückt nicht weniger schnell auf die Kessel. Sichtbar über die tollen Reaktionen des Publikums erfreut, geht das Quintett mit viel Bock zur Sache und rotzt sich mit viel Energie durch ihr Set. So gewinnt man viele neue Fans!

 

Auch die Suicidal Angels liefern anschließend fachgerecht ab. Man merkt den Griechen die durchs viele touren gewonnene Routine an, was den Gig nicht so unkontrolliert-enegetisch wie den von Indian Nightmare wirklen lässt, sondern cooler und abgezockter. Doch der derbe Thrash Metal, der mich immer wieder an stark an Kreator erinnert (allerdings ohne deren Hit-Treffsicherheit) und Nummern wie „Bloodbath“ machen live trotzdem viel Spaß, was die Fans mit ersten Circle-Pits und Wall-Of-Deaths honorieren.

 

Als einzige Progressive-Rock-Band des dieses Jahr relativ Thrash-lastigen Festivals, meint man, dass es die Villagers Of Ioannina City nicht ganz einfach haben werden. Zumal die Griechen auch noch eher ein Geheimtipp sind. Doch spätestend nach dem atmosphärischen Auftakts mit „Welcome“ und „Age Of Aquarius“ sind die Besucher schnell vom einnehmenden Sound der Band gefangen und lassen sich von den wabernden, dynamischen Riffs und den folkloristischen Untertönen dahintreiben. Absolut hochklassig und perfekt gespielt! Highlight!

 

Dass Atlantean Codex auf eine treue und sehr enge Fangemeinde zählen können, ist bekannt. Doch so episch, monumental und „wertvoll“ die Musik der Band auch sein mag, muss sich der Codex auch der Tatsache bewusst sein, dass der Gesang von Markus Becker live ein echter Schwachpunkt ist, bei dem heute so einige Töne nicht an der richtigen Stelle sitzen und der Epik fiese Brüche zufügen. Mit Fan-Brille vielleicht nicht so schlimm – aber mich konnten sie heute erneut nicht überzeugen.

 

Ganz anders The Night Flight Orchestra. Das letzte Gastspiel auf dem Rock Hard Festival war damals der erste Auftritt außerhalb Schwedens und die Band entsprechend nervös, unsicher und unbeholfen. Heute sieht das völlig anders aus: Souverän und sehr selbstbewusst schmettern die (heute minimal anders besetzten) Schwed:Innen um Kapitän Björn „Speed“ Strid ihre Gute-Laune-Hits von der Bühne. „Gemini“, „White Jeans“, „Sattelite“ oder „Sometimes the World Ain’t Enough“ – es wird getanzt, es wird lautstark mitgesungen und nicht weniger laut applaudiert. Vielen Dank! Boarding complete.

 

Als zu Beginn der Grave Digger-Show ein Dudelsackorchester die Bühne betritt wird schnell klar, dass es heute kein gewöhnlicher Auftritt wird. Nach dem imposanten Intro der Baul Muluy Pipes (ich hoffe, wir haben den Namen richtig verstanden…) brettern Onkel Bolle & Co. mit „In The Dark Of The Sun“ und „Excalibur“ nicht weniger imposant los. Interessant, dass die Band, statt Backing-Vocals vom Band Andreas von Lipinski live als Background-Sänger Chris´ Stimme doppeln lässt (und im finalen „Heavy Metal Breakdown“ auch einen Platz an der Front einräumt).

Verständlich, dass Grave Digger auch ihre neue Single „Hell Is My Purgatory“ präsentieren wollen. Aber dafür wären Clubshows zum neuen Album vielleicht geeigneter. Hier im Kontext des Festivals passt die Nummer aber nicht so richtig hin. Ich persönlich hätte auch das zähe „The Ballad of Mary (Queen of Scots)“ und das zwar thematisch passende aber dröge „Highland Farewell“ ausgelassen und stattdessen lieber ein paar Klassiker mehr gespielt. Denn die Stimmung ist natürlich bei Stücken wie „Rebellion (The Clans Are Marching)“ am größten. Trotz allem ein wirklich gelungener Auftritt!

Als mittags kommuniziert wurde, dass Phil Campbell and the Bastard Sons den heutigen Gig krankheitsbedingt absagen müssen, gab es viele lange Gesichter bei den Motörhead-Fans.

Als Ersatz springen spontan Asphyx ein, die jedoch seit über einem Monat nicht mehr gespielt, geschweige denn geprobt haben. Kann das funktionieren?

Ja, und wie! Der „Deathhammer“ schlägt unbarmherzig zu und füllt die spontan entstandene Lücke mehr als würdig aus. Wüsste man es nicht besser, müsste man glauben, dass es nie anders geplant war. Vor der Bühne ist die Hölle los und Martin van Drunen samt Band (die sich auch nochmals völlig klar gegen jede Art von Krieg aussprechen!) werden massiv abgefeiert. Einfach geil, diese Community!

 

Vor vollem Theater setzen Blind Guardian anschließend die Krone auf. Mit den „Aufwärmübungen“ „Into The Storm“, „Welcome To Dying“, „Nightfall“ und „When Time Stands Still (At The Iron Hill)“ bereiten die Krefelder die Fans auf eine Weltpremiere vor: „Somewhere Far Beyond“ in voller Länge!

Der noch relativ neue Bassist Johan van Stratum (Ayreon, Ex-Streams Of Passion) bangt und bewegt sich auf seinem Podest im Hintergrund zwar mehr als der gesamte Rest der Band – aber das kennt man ja von der zurückhaltenden Truppe. Genau wie die ungelenken und unbeholfenen Ansagen von Hansi. Doch was tut das zur Sache, wenn man Perlen wie „Journey Through The Dark“ oder den „Bard´s Song“ im Gepäck hat und Raritäten wie „Black Chamber“ zum ersten Mal live hören kann. Eben! Das unvermeidliche „Valhalla“ und „Mirror, Mirror“ setzen dem zu erwartenden Triumphzug ein Ende. Große Klasse!


Sonntag, 05.06.2022

 

Nach zwei Festivaltagen mit bestem Wetter, sahen die Prognosen für Sonntag leider nicht so gut aus. Da unsere Highlights ohnehin schon gestern gespielt haben, satteln wir spontan um und betrachten den Rest des Festivals aus der Ferne.

An diesem gibt es zuerst 70ies-lastigen Retro-Rock der Würzburger:Innen von Wolvespirit zu hören, der im Anschluss vom Death Metal der Chtulhu-Kultisten von Sulphur Aeon überboten wird.

Zusammen mit den vor einigen Wochen vor Festivalbeginn für Razor eingesprungenen Artillery setzen dann die ersten Regentropfen ein, von denen sich weder die Belgier, noch die US-Amerikaner von Night Demon einschüchtern lassen.

Dass Midnight ein so „großes“ Publikum finden, wundert mich immer wieder. Ich kann an dem räudigen und spartanischen Punk der vermummten Amis rein gar nichts abgewinnen. Stumpf, stupide und völlig unspannend. Da gibt es doch tausende interessantere Bands, die man hätte spielen lassen können. Aber gut. Manchen scheint es ja zu gefallen…

Mit Michael Monroe geht es mir ähnlich wie mit Midnight. Ich kann dem Hard Rock ebenso wenig abgewinnen – erkenne aber im Gegensatz zu den Mitternachtsrumplern wenigstens eine musikalische Relevanz und einen gewissen Gehalt. Da kann ich auch eher nachvollziehen, dass die Chose der Finnen mit Beifall bedacht wird.

Es folgt ein viertelstündiger Überraschungsauftritt von Sodom, die 30 Jahre „Tapping The Vein“ feiern. In der Besetzung Tom, Drummer Toni Merkel und Andy Brings an der Gitarre schmettern die Ruhrpott-Urgesteine „Body Parts“, „One Step Over The Line“ und den „Wachturm“ von der Bühne und sind genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Coole Sache!

Die Ehre der letzten Töne des Festivals geht dieses Jahr an Accept, die es nach den ganzen vergangenen Umwürfen in der Bandbesetzung nicht ganz einfach haben, die Fans im Amphitheater wieder auf ihre Seite zu ziehen. Während sich die eine Hälfte von den vielen „neuen“ Songs der Tornillo-Ära der Wolf Hoffmann & Band eher abwendet, lässt sich die andere Hälfte von Klassikern wie „Restless and Wild“, „Princess Of The Dawn“, „Metal Heart“ oder „Fast As A Shark“ mitreißen und ignoriert den Fakt, dass wirklich nur noch Hoffmann als originaler Accept-Musiker übrig ist. Und frech gefragt: Welche Funktion erfüllt eigentlich Uwe Lulis, der sich als herausragender (dritter) Gitarrist im Hintergrund verstecken muss?

 

Doch wie dem auch sei. Es war schön, dem Festival 2022 endlich wieder beizuwohnen!

Vielen Dank Rock Hard Team!

Diesmal aber bitte wirklich: Bis nächstes Jahr! (mk & lk)

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