Auf eine Tasse Kaffee mit Claus Berninger

Verfasst am 29. Juli 2008 von motorbreath (Kategorie: Interviews) — 1.872 views

Metal-Aschaffenburg.de führte ein Interview mit Colos-Saal-Mitbegründer Claus Berninger.

Metal-Aschaffenburg: Herr Berninger, werden Subway to Sally nochmal im Colos-Saal zu sehen sein?

Claus Berninger: Ja, bestimmt. Das Problem bei Subway to Sally ist allerdings, dass sie zwischen Clubs unserer Kapazität und kleineren Hallen schwanken.
Je nach Album und Saison neigt die Band eben eher zu uns oder auch nicht. Wir können ihnen ja auch nicht böse sein, dass sie, wenn sie eine Halle füllen können, dort auch spielen.
Das ganze Rock- und Pop-Business ist so periodisch, dass alle irgendwann mal wieder kommen. Möglicherweise ist Subway to Sally sogar schon wieder in Planung.

Wie kommt das Colos-Saal zu neuen Künstlern?

Im Metal-Bereich ist es so, dass Matthias Garbe viel recherchiert. Zum einen liest er viel, zum andern hat er dadurch, dass er als CD-Rezensent tätig ist, einen großen Vorteil: neue Platten landen sehr früh bei ihm auf dem Schreibtisch!
Zur Plattenindustrie hat er dadurch ebenfalls einen Draht und bekommt rechtzeitig mit, in welchem Stil für einzelne Band Promotion geplant ist. So kann er gut einschätzen, welche Künstler „groß rauskommen“ – oder eben nicht.
Grundvoraussetzung bei all diesen Entscheidungen ist immer, dass uns das Material gefällt und wir uns mit den Aussagen der Band identifizieren können. Beispielsweise wird eine Band aus der rechten Ecke nie bei uns spielen dürfen.

Haben sich die Gagen für Künstler über die letzten Jahre hinweg verändert?

Wir arbeiten nicht nach dem klassischen Gagen-Modell, bei dem eine Band kommt und einen festen Betrag verlangt und wir diesen abnicken. Es ist bestimmt kein Betriebsgeheimnis, dass wir für die Band erstmal einen kostendeckenden Grundbetrag festlegen und sie dann am Gewinn beteiligen. Wenn die Veranstaltung erfolgreich ist, bekommt die Band also deutlich mehr als im Grundbetrag vereinbart ist. Insofern kann
ich hier nichts über eine Veränderung bei der Gage sagen – nur soviel: es ist für Künstler wesentlich wichtiger geworden, live zu spielen, zumal die bekannten Umsatzeinbußen bei CD-Verkäufen ausgeglichen werden müssen.

In der Sommerpause soll das Colos-Saal umgestaltet werden. Was kann man davon erwarten?

Stilistisch haben wir und bisher noch nichts einfallen lassen. Die momentane Zirkusatmosphäre wird wahrscheinlich gekippt.
Zur Eröffnung vor 15, 16 Jahren war das in Ordnung, jedoch wirkt es jetzt abgedroschen. Wir müssen ohnehin jährlich renovieren, zumal der Saal sehr in Anspruch genommen wird.
Wir möchten auf jeden Fall die farbliche Gestaltung verändern und uns von rustikalen „Altlasten“ befreien.
An Ton und Licht werden wir wenig ändern, da wir uns sowieso regelmäßig dem neuesten Stand der Dinge anpassen.
Letztes Jahr haben wir ein neues Pult gekauft, das durch die zahlreichen Support-Acts notwendig geworden ist. Die Bands oder die Plattenfirmen kaufen sich beim Headliner direkt ein, um das Bandbudget zu entlasten – für uns ist das natürlich zunächst mal eine Belastung, zumal die Support Acts oft keine eigenen Techniker mitführen, wir uns um Verpflegung kümmern müssen etc. pp.
Auf der anderen Seite ist ein guter Support auch für uns eine neue Entdeckung.

Drei oder vier Bands an einem Abend können allerdings schon sehr anstrengend sein…

Schön, das mal von einem Heavy-Metal-Fan zu hören – genau so sehen wir es nämlich auch. Zwei Bands an einem Abend sind eigentlich ausreichend. Leider können wir das nicht vermeiden.
Man muss auch die Bands verstehen, die durch den enormen Absatzeinbruch bei CDs nun logischerweise nach neuen Einnahmequellen suchen. Das sind auf der einen Seite die vielen Support Acts, auf der anderen Seite die immer größer werdenden Merchandise-Stände. Erstaunlicherweise investiert die „runterladende Generation“ an diesen viel Geld.

Das Metal-Genre hat sich über die letzten Jahre in sehr viele Richtungen aufgefächert, bis hin zu extremen Bands à la Dillinger Escape Plan oder Meshuggah. Macht diese unüberschaubare Bandbreite es schwerer, den Saal zu füllen als in den 80ern, in denen es (fast) nur „klassischen“ Heavy Metal gab?

In den 80er Jahren haben wir ganz wenig Heavy Metal gemacht. Das hing damit zusammen, dass wir damals noch im Klimperkasten saßen und wir ständig mit Beschwerden aus der Nachbarschaft zu kämpfen hatten
(die sich jedoch meist als unbegründet herausstellten). Dennoch wollten wir das lauteste Genre, und das ist nunmal Metal, damals nicht vertiefen.
Vor etlichen Jahren haben wir Matthias Garbe eingestellt, einen echten Rock-Fan. Ich selbst verstehe mich nicht als solchen und bin daher froh, ihn gefunden zu haben. Matthias hatte bei Rock und Metal ganz einfach den Überblick und kümmert sich seither um das Genre. Hier ist inzwischen sogar schon die zweite Generation von Mitarbeitern, die uns beraten, an den Start gegangen. Der Sohn einer unserer Techniker ist hier angestellt und ich selbst habe einen 18-jährigen Metalfan als Sohn. Dadurch kommen von dieser Seite natürlich viele Anregungen.

Knorkator kommen, trotz Auftrittsverbot, dieses Jahr noch einmal ins Colos-Saal. Wie kommt es dazu?

Nach dem zweiten Mal Gemüsehäckselmaschine habe ich nicht mehr eingesehen, schon nach einem Konzert den Saal renovieren zu müssen. Diverse Gemüsestücke hängen auch heute noch an verborgenen Ecken…getrocknetes Gemüse auf einer verkalkten Wand ist nach ein paar Tagen selbst wie Kalk. Knorkator hat das bundesweit so betrieben, sodass sie sich in vielen Clubs und Hallen Auftrittsverbote eingehandelt haben.
Wir fanden die Typen an sich unglaublich nett, aber den Mist mit dem Häcksler wollten sie sich jahrelang nicht ausreden lassen. Inzwischen sind sie geheilt.
Ich glaube auch, dass das Publikum das nicht so toll fand. Beim ersten Mal, als Überaschungsmoment, war das okay. Aber beim zweiten Mal waren die vorderen Reihen ganz schnell leer.

Gibt es manchmal Künstler, bei denen ihr schon vor dem Konzert einen Verlust einkalkulieren müsst?

Nein, das wäre ja wahnsinnig. Wir sind ja nicht gefördert und müssen daher wirtschaftlich denken.
Hier arbeiten inzwischen dreizehn Festangestellte und jede Menge Aushilfen, die, wenn sie Studenten sind, möglicherweise den Löwenanteil ihres Einkommens vom Colos-Saal beziehen. Da wäre es verantwortungslos, Verluste bewusst in Kauf zu nehmen.
Es kommt zwar immer mal vor, dass wir Verlust machen, aber es ist auch kein Geheimnis, dass wir inzwischen bei mindestens 90% aller Konzerte nicht mehr drauflegen.
Euch ist vielleicht mal aufgefallen, dass wir eine risikoscheue Firma sind. Wir gehen z.B. nicht wie andere Firmen raus. Denn wir wissen, dass wir mit einem groß angelegten Open Air scheitern könnten – und zwar mit einem riesigen finanziellen Fiasko. Damit wäre die Firma ruiniert und dreizehn Existenzen würden von einem Tag auf den andern auf der Straße stehen. Die Leute, die hier arbeiten, wie beispielsweise unser Haustechniker, der vor 30 Jahren mal Sozialarbeit studiert hat, können kaum noch in einen anderen Beruf gehen. Sie müssten irgendwie wieder ins Musikbusiness gehen. Daher muss sich die kleine Welt, die wir uns hier geschaffen haben, immer weiterdrehen.
Für einen Techniker wäre zwar das Tourneeleben interessant. Nur es fragt sich, ob man das mit 48 Jahren, Haus und Familie noch machen will.

Bedeutet das Altenheim für euch eine Veränderung?

Am Anfang waren wir natürlich erstmal nicht begeistert, aber wir haben nach vorne Nachbarn, warum sollen wir dann nicht auch nach hinten welche haben?
In Zusammenarbeit mit unserem Hausbesitzer (der übrigens auch das Gelände für das Altenheim verkauft hat), haben wir vor einem Jahr schon in Form einer Lärmschleuse vorgebeugt. So können wir sämtliche Lärmschutzauflagen, auch bei Metal-Konzerten, erfüllen.
Beschwerden wird es mit Sicherheit geben, da das Lautstärkeempfinden, Auflagen hin oder her, immer subjektiv ist. Das wird jedoch kein Problem sein, da man uns eine Verletzung der Auflagen nachweisen müsste. Ich bin mir jedoch sicher, dass wir auch zukünftig keine dieser Regeln verletzen werden.

Gab es im Colos-Saal in der Vergangenheit Probleme mit Ausschreitungen bei Konzerten?

Unsere Erfahrungen aus 24 Jahren live-Betrieb zeigen ganz klar: Nein.
Wenn die Leute etwas geboten bekommen, nimmt auch das Aggressionspotenzial ab. Selbst wenn die wüsteste und härteste Heavy-Metal-Band spielt, gibt’s vielleicht ein bisschen Pogo, aber zu Ausschreitungen kommt es nicht. Für die Leute ist es nach einem solchen Konzert ähnlich wie das Wohlgefühl nach Sport. Metal ist hier ein sensationeller Katalysator.
Das Kuriosum ist, dass die Öffentlichkeit die ganzen langhaarigen, schwarzgekleideten Typen für Brutalos hält. Dem ist aber nicht so, das sind einfach Schüler, Studenten, Azubis oder sonst irgendwelche ganz normalen Menschen, die im Metal ihre Lieblingsmusik gefunden haben.

Herr Berninger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

(jk)

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