Klamm

Verfasst am 01. Juni 2012 von Michael Klein (Kategorie: Band Of The Month, Interviews) — 2.195 views

Im Wahn…

Das Interview

Während die aktive Thrash-Gemeinde in Aschaffenburg ziemlich aktiv ist, fristet die Black-Metal-Szene (bis auf wenige Ausnahmen) ein ziemlich tristes Dasein. Selbst im Jahr 2005 – als sich Klamm in Aschaffenburg formierte (damals noch als Solo-Projekt des Drummers Simon) – gehörte die Band zu den Exoten in der hiesigen Musiklandschaft.
Inzwischen hat sich der Sitz der Band zwar in Richtung Würzburg verlagert, was aber nicht bedeutet, dass man diese Truppe aus den Augen verlieren sollte. Schließlich gehört der einzigartige Sound von Klamm immer noch zum Feinsten, was die Region in dieser Hinsicht zu bieten hat.

Wer das nicht glaubt, sollte spätestens seit dem aktuellen Release „Wahnsee“ eines besseren belehrt sein.

Schlagzeuger Simon und Sänger Wolfi standen uns zum neuen Werk Rede und Antwort

Metal-Aschaffenburg: Hallo! Beschreibt doch zuerst einmal Klamm für diejenigen, die euch noch nicht kennen!

Simon: Die Band ist unter anderem daraus entstanden, dass ich genervt von dem vielen Unisono-Gedudel im Metal war und schauen wollte, was so alles für Akkorde auf der Gitarre möglich sind. Charakteristisch ist deshalb (bisher) für unsere Musik, dass es kaum Palm-Mutes oder Powerchord-Passagen gibt. Natürlich bin ich dabei als Schlagzeuger fein raus, weil das dann nicht ich, sondern unsere Saitenfraktion spielen muss, hehe. Musikalische Einflüsse gibt es viele aus dem Black-Metal-Bereich, wobei wir jetzt aber nicht unbedingt Black Metal machen. Das würde auch viel zu stark einschränken: zum Beispiel taucht dieselbe Melodie dreimal auf dem Album auf: einmal mit einer „epischen“ Sologitarre, einmal schwarzmetallisch-rasend, einmal doomig-langsam.

Wolfgang: Wie? Wer kennt uns nicht? Klamm spielen extremen Metal, der trotz gewisser Komplexität eingängig ist. Viele Bands behaupten Folgendes zwar von sich, aber bei uns gilt tatsächlich: Man kann uns nicht eindeutig in eine Schublade stecken – auf den 80 Minuten des kommenden Albums sollte das ganz gut rüberkommen. Apropos 80 Minuten: Klamm spielen überlange Lieder…

Wahnsee“ ist nun seit einigen Wochen veröffentlicht. Was kann jemand, der es noch nicht kennt vom neuen Album erwarten?

W.: Die Hörer des neuen Albums müssen sich zuerst wirklich viel Zeit nehmen. Die CD ist randvoll – wir haben, wie gesagt, fast 80 Minuten Material. Es wird der Musik auch nicht gerecht, sie einmal schnell und beiläufig zu hören. Man muss sich darauf einlassen, richtig eintauchen, um die Vielschichtigkeit des Werks zu erfassen – ein einziger Durchlauf reicht da natürlich auch nicht…

S.: Stimmungsmäßig wird die Musik im zeitlichen Verlauf immer düsterer. Wo es anfangs noch ein paar Lichtblicke gibt, machen sich ab der zweiten Hälfte Hoffnungslosigkeit und Wahnsinn breit. Wer genau hinhört, der entdeckt vielleicht auch den einen oder anderen musikalischen Querverweis zwischen den Liedern.

W: Musikalisch kann man sagen: Wo „Frostfluss“ stilistisch eindeutiger und vorhersehbarer war ist der „Wahnsee“ überraschender und experimenteller. Sound und Produktion sind dicker und die Fähigkeiten an den Instrumenten wurden natürlich auch etwas geschärft. Die Musik hat sich weiterentwickelt, aber man hört, dass es immer noch Klamm ist!

Der absolute Kracher ist das enorm Detailverliebte Artwork.

W.: Beim Coverartwork haben wir einen echten Glücksgriff gelandet. Ein guter Kollege einer befreundeten Band, bei der Gitarrist P. auch tätig ist, hat das wunderbare Bild nach unseren Wünschen maßgeschneidert. Der Zeichenstil und die Umsetzung sind für extreme Metal-Musik als Coverartwork recht ungewöhnlich, aber das ist die Musik unserer Meinung nach ja auch!

(lest hierzu auch „Das Artwork“ weiter unten!)

Gibt es denn etwas, das ihr gern nachträglich an eurem Debüt „Frostfluss“ noch ändern würdet?

W.: Im Text von „Ferne Lüfte“ ist ein grammatikalischer Fehler – es heißt: „In diesen Armen mich verfang“ – dies würden wir gerne zu „In diesen Armen mich verfing“ korrigieren. Ich persönlich habe an der Demo nicht mitgearbeitet, aber mir gefallen die Lieder sehr gut – sowohl von der Komposition als auch von der Umsetzung. Live klingen die Lieder natürlich aus vielen Gründen anders (ich singe anders, der Instrumenten-Sound ist anders…) und wer uns gut kennt weiß, dass auch ad libitum ständig ein wenig an den alten Liedern herumgefeilt wird (sowohl an der Partitur, als auch an der Instrumentierung und am Sound) – das macht somit jeden Live-Auftritt einzigartig. Genau wie es für die Künstler zutrifft ist keines der Lieder jemals fertig oder unveränderbar. Überall ist noch Potenzial und Leben vorhanden.

S.: Ich würde da auch zwischen CD und Live unterscheiden. Bei Auftritten spiele ich einiges nicht so, wie ich es aufgenommen habe. Anders machen würde ich bei den Aufnahmen mittlerweile vieles – nachträglich ändern will ich nichts. Irgendwann war das Ding halt fertig. Genauso wie unser erstes Album jetzt. Danach gibt es noch genug Möglichkeiten, bei zukünftigen Aufnahmen etwas anders zu machen.

Klamm leben von der besonderen Atmosphäre, die durch Ton und Text entsteht. Versetzt ihr euch in eine besondere Stimmung bevor ihr beginnt Stücke zu komponieren oder Texte zu schreiben oder versucht ihr euch bestimmte Momente/Stimmungen ins Gedächtnis zu rufen?

S.: Musik schreiben braucht bei mir vor allem eines: jede Menge Zeit. Wenn ich das erste Mal denke, ein Stück wäre fertig, kann gut und gerne noch mal ein Jahr vergehen, bis es auch wirklich fertig ist. Manche Ideen entstehen durch Rumklimpern auf Gitarre oder Klavier, manche sind beeinflusst von anderer Musik. Daraus entstehen dann immer weiter wachsende und sich verzweigende Ideen, die ich bei Bedarf auf mehrere Songs verteile. Das ist dann keine Arbeit für mich, sondern eher Entspannung/Ablenkung.

W.: Die Ideen entspringen natürlich gewissen Stimmungen oder Verstimmungen. Grundlegende, ungeschliffene Ansätze kommen so meist von selbst. Dann folgt teilweise wirklich ein inspiriertes Schaffen aber in der Vervollständigung oft genug auch mühsame Fleißarbeit. Ganz ohne Eingebung und Passion geht das trotzdem nicht – da kommt dann nur Müll heraus, der anschließend verworfen wird. Es gibt tatsächlich oft längere Dürreperioden im Schaffen – man kann Kunst praktisch nicht erzwingen. Das würde im Ergebnis negativ auffallen.

Wie schwierig ist es, die Aktivitäten der Band am Laufen zu halten? Simon, du bist doch sogar ab und zu in Spanien, oder?

S.: Das stimmt zum Teil – ich war längere Zeit in Spanien, bin seit Juli 2011 aber wieder permanent in Würzburg.

W.: Ich wohne nun in München, bin aber fest entschlossen bei der Band weiter zu singen. Proben und der persönliche Austausch treten da natürlich kürzer, aber wir geben alle unser Bestes.

Wie habt ihr den Auftritt beim 2011er Umsonst und Draußen erlebt?

W.: Das UUD war sehr lustig. Wir spielten relativ früh, viele nichts ahnende Familien waren dort. Als wir loslegten entstand erst einmal sehr schnell eine große Schneise, wo besorgte Eltern mit ihren Kindern flüchteten – diese Schneise wurde jedoch auch bald von zahlreichen Langhaarigen aufgefüllt. Wir spielten ein einziges Lied in den mageren 20 Minuten, die uns zur Verfügung gestellt wurden – es schien aber echt gut anzukommen.

Generell: Wie erfolgreich war das Jahr 2011 für Klamm?

W.: 2011 war anstrengend und eine gewisse Belastungsprobe, die von allen Mitgliedern soweit erfolgreich bestanden wurde – was die Bande innerhalb der Gruppe sicherlich gestärkt hat. S. war fast ein Jahr in Spanien, ich zog nach München, der Proberaum wurde gekündigt. Dennoch kamen wir dazu ein paar tolle Gigs zu spielen und das Album fertig zu machen. Man darf gespannt sein, was das nächste Jahr so bringt. Aber was auch kommt – Klamm wird überdauern!

S.: Auf jeden Fall! Es geht überhaupt erst los!

Das wollen wir hoffen! Der „Wahnsee“ wird uns 2012 ganz sicher alle in seinen Abgrund ziehen…

(mk)

Das Konzept

Simon: Hinter dem „Wahnsee“ verbirgt sich ein Konzeptalbum, dessen Stimmung im zeitlichen Verlauf immer düsterer wird. Thematisch geht es um eine innere Zerrissenheit. Der Auslöser ist ein traumatisches Erlebnis, das der (namenlose) Protagonist zu verarbeiten versucht. Bezüge zur Handlung kann man auch auf dem Covermotiv wieder finden – jetzt auch großformatig auf frisch gedruckten Postern, die es ab Juni zu kaufen gibt!

Am Anfang gibt es noch Lichtblicke in Text und Musik, und ein Erleben außerhalb des eigenen Geistes, z. B. in „Sol“ und „Harmonia“. In der zweiten Hälfte verliert sich der Protagonist in einem Kampf gegen den Wahnsinn, bis er schließlich eine Art von Erlösung findet (wobei der Text vom letzten Track „Wasser Atmen“ trotzdem unglaublich negativ geworden ist – im positiven Sinne, hehe. Die ganze Handlung ist absichtlich ziemlich offen gehalten, um verschiedene Interpretationen zu ermöglichen. Musikalisch ist das Album eher locker verzahnt; vor allem in der zweiten Hälfte gibt es die eine oder andere Ähnlichkeit zwischen den Tracks (z. B. das Hauptthema von „Zwielicht“, das auch in den gezupften Anfängen von „Neumond“, „Disharmonia“ und „Wasser Atmen“ auftaucht).

Das Artwork

Alleine das kongeniale Artwork lohnt bereits den Kauf. Robert Zimmermann aka Illustrious gibt uns einen fantastischen Einblick in die Entstehung dieses Bildes! (Die jeweiligen Artworks 01-05 findet ihr unter dem Text)

Metal-Aschaffenburg: Vielen Dank für diesen außergewöhnlichen Einblick!

Robert: Es freut mich, dass solches Interesse an der Platte und an dem Artwork besteht!

1. Die Idee

Die Jungs von Klamm sind mit einer Skizze an mich herangetreten, die der fertigen Cover-Illustration gar nicht so unähnlich sieht. Der augenförmige See mit der Mahlstrom-Pupille als zentrales Element war dort schon erkennbar. Von mir kam dann der Vorschlag, statt eines Covermotivs und mehrerer songbezogener Illustrationen für die Bookletseiten nur ein großes Artwork anzufertigen und dieses im Booklet in Ausschnitten zu zeigen. Dazu sollten möglichst viele Dinge aus den Texten auftauchen. Es gibt unzählige solcher Anspielungen, z. B. kommen die im Wasser treibenden Körper aus „Wasser Atmen“ (05).

2. Vorarbeit

So wie für meine Arbeitsweise üblich, fertigte ich eine erste Skizze mit dem See, Dorf und den Klippen an (01) und nach Rücksprache mit Klamm und einer weiteren, detaillierteren Skizze (02) war das Konzept dann so weit ausgereift, um die fertige Umsetzung in Angriff zu nehmen. Es gibt auch einige Dinge, wie das Loch in den Wolken, durch das Sonnenlicht auf die Szenerie fällt (02), die es nicht ins Artwork geschafft haben.

3. Umsetzung

Die Skizzen habe ich noch alle klassisch per Hand auf Papier gezeichnet, die finale Ausarbeitung erfolgte digital. Mit meinem Wacom-Stifttablett begann ich zuerst mit der Feuer-„Träne“ im Vordergrund (03). Das Dorf (04) mit all seinen Einzelheiten hatte den zeitlichen Löwenanteil an der Arbeit. Wie man auf dem Bild sehen kann, lege ich mir die Outline-Skizze in Photoshop auf eine extra Ebene und „male dann die Flächen aus“. Dabei arbeite ich vom Groben ins Feine, d.h. zuerst zeichne ich grobe Farbflächen, die dann mit Schattierungen versehen werden. Nach und nach geht man so immer weiter ins Detail, bis man irgendwann merkt, dass die Pinselspitze, die man gerade benutzt, nur noch 1 Pixel groß ist und man gerade Sachen zeichnet, die beim Druck auf keinen Fall mehr sichtbar sind. Dann knirscht man kurz mit den Zähnen und macht sich ans nächste Haus. Das Dorf auf dem Cover hat übrigens kein reales Vorbild, ich habe mich vorher lediglich zu Recherchezwecken ein bisschen mit Fachwerkhäusern und Steinkirchen auseinandergesetzt.

4. Fertig

Das fertige Artwork ist ungefähr 60×60 cm groß und ist seit gestern auch in diesem Format als Poster erhältlich. Ich denke, das ergibt Sinn, denn selbst eine LP-Hülle wäre noch zu klein, um wirklich alle Details auf diesem apokalyptischen Wimmelbild zu sehen. Wer möchte, kann sich gern auf die Suche nach den an die Hauswand gelegten Angelruten, der sich auf Rattenjagd begebenden Katze oder dem erhängten Priester machen. Es gibt viel zu entdecken in Klamm-Town.

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05

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

www.Klamm-Band.de
www.Facebook.com/ThisIsIllustrious
www.Behance.net/ThisIsIllustrious

 

(mk)

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