Königliche Audienzen

Verfasst am 17. April 2011 von Michael Klein (Kategorie: Konzert-Rezensionen) — 2.008 views

Kings Of Black Metal | Mit: Watain, Inquisition, Taake, Chrome Division, Endstille, Dornenreich, Corpus Christii, Cirith Gorgor, Alcest, Under That Spell

16.04.2011 – Stadthalle, Alsfeld

Bei Ankunft in Alsfeld hat man das Gefühl, dass sich sämtliche Einwohner in ihre Häuser verzogen haben. So leer mutet die Gegend um die Stadthalle an. Einzig schwarz gekleidete Gestalten findet man hier. Und deren Ziel ist eindeutig: Das neuerliche Aufspielen der Kings Of Black Metal – nach Verlegung von Gießen diesmal in Alsfeld.
Bei betreten der Halle schmunzeln „Wiedergänger“ über die im Voraus bekannt gegebenen Umzugsgründe (mehr Raum in der Halle für eine entspanntere Atmosphäre, bessere Sound- und Sichtvoraussetzungen), denn die Bühne ist sehr niedrig und die Halle Augenzeugen zufolge auch nicht wirklich größer.
Stört aber vorerst nicht – also erstmal auf zum Bierstand. Ach nee. Vorher zum Wertcouponkauf. Denn der Veranstalter Burning Stage setzt ebenfalls auf des bargeldlose bezahlen an den Theken. Doch statt wie üblich mit einzelnen Münzen und geraden Preisen für Bier und Co., gibt es beim Kings Of Black Metal nur 10-Euro-Wertcoupons mit einzelnen Feldern, die dann beim Bestellen abgestrichen werden. Blöderweise dauert dies dadurch oft länger als wenn man es gleich bezahlt hätte und es kommt oft vor, dass man erst beim Abstreichen merkt, dass die Karte nicht reicht. Auch die generell hohen Preise von 2,50 Euro für einen kleinen 0,3er-Plastikbecher Bier und 2 Euro für 0,2l Cola stoßen vielen sauer auf. Kein Wunder, dass die Leute letztendlich vor der Halle saufen und für das im Endeffekt heftige Müllproblem vor der Halle sorgen. Und das obwohl die Security mehr darauf bedacht ist, die Besucher beim Rausgehen mit Becher zu hindern, als ausfällige Idioten beim Reingehen zu hindern oder die Vielzahl an Rauchern in der Halle zu ermahnen. Ach, geht ja nicht: Das Personal geht ja selbst mit schlechtem Beispiel voran. Und wenn der Soundtechniker schon in der Halle rauchen darf, warum den Fans verbieten?

Nun ja – es ist ja bekanntlich die Musik, die zählt. Und selbige ist es ja, weshalb wir gekommen sind. Also erstmal die negativen Aspekte ausblenden und Under That Spell lauschen, der seine Sache als Opener recht ordentlich macht, aber natürlich auch noch keine Bäume ausreißen kann.
Alcest verpuffen im Anschluss in der hellen Halle (man hätte ja mal einige Oberlichter zuhängen können). Die Franzosen leiden zudem unter miesem Sound, schaffen es aber trotzdem, im Ansatz so etwas wie Atmosphäre zu erschaffen. Nach nur dreißig Minuten ist aber schon wieder Schluss. Schade, aber so früh so war es ein Verkauf unter Wert.

Nach zwei Bands sind wir im Zeitplan schon 20 Minuten im Verzug und ein Blick auf die Running Order lässt Böses erahnen… und wirft eine Frage auf: Wo sind eigentlich Troll (auf die ich mich schon gefreut hatte) im Billing geblieben?

p1070834Es muss ja zumindest schon bekannt gewesen sein, dass die Norweger nicht kommen würden, denn als Ersatz wurden Cirith Gorgor auf die in der Halle erhältlichen Running Order gedruckt. Nur auf der Kings-Of-Black-Metal- und Burning-Stage-Website war nichts von einer Absage der Band zu lesen. Schade. (Nach einem Hinweis habe ich festgestellt, dass es tatsächlich eine entsprechende Meldung über den Ersatz gab. Beide Banner auf der MySpace-Seite führen Troll jedoch noch gelistet und auf der Burning Stage-Seite findet man dazu keinen Kommentar – mk)
Die Holländer nutzten die Chance jedoch, um die Anwesenden mit ihrem kalten und rasend schnellen Black Metal von sich zu überzeugen, was angesichts der Tatsache, dass mit Endstille eine ähnlich gelagerte Truppe im Billing stand und entsprechend viele Fans anwesend waren, auch gut gelang. p1070892Ähnliche Sympathien wurde den Portugiesen von Corpus Christii entgegengebracht. Der an die Headliner von Watain erinnernde, thrashige und abwechslungsreiche Black Metal kam herrlich brachial und roh von der Bühne gedonnert. Am Ende will sich die Band partout nicht von der Bühne schieben lassen und beginnt mit der Stagecrew um drei Minuten mehr Spielzeit zu diskutieren – sehr amüsant! Dafür lassen sie es zum Abschluss aber noch mal so richtig krachen und heizen den Fans mit Feuerspuckeinlagen ein.

Wer sich jetzt auf die offizielle Running Order der Burning-Stage-Website hält und zu Endstille eine kleine Pause einlegt, um sich danach Dornenreich zu sehen, der verpasst selbige leider komplett. Denn die Österreicher spielen nicht nur in mit Endstille vertauschen Spielpositionen, sondern statt der angegebenen Stunde nur 30 Minuten! So gab es für einige Fans hier ganz sicher ein böses Erwachen. Das Duo Eviga/Inve intoniert zuerst zwei Stücke akustisch, um danach mit Gylván als Trio die Messer zu wetzen. Zum Repertoire gehören dann unter anderem „Jagd“, „Trauerbrandung“, „Flammenmensch“ und eine geniale Version von „Der Hexe flammend‘ Blick“. Klasse – aber leider viel zu kurz.

p1070950Endstille spielen ebenfalls kürzer als angegeben. Doch irgendwie muss das Zeit-missmanagement ja wieder gutgemacht werden. Schade nur für die zahlreichen Fans der jeweiligen Truppen. Die Kieler wissen aber nur zu gut, wie man das Beste aus der Situation macht und feuern aus allen Rohren: „Dominanz“, „Frühlingserwachen“ & Co. lassen grüßen. Fronter Zingultus gibt eine souveräne Erschienung ab und untermauert das Black-Metal-Bollwerk seiner Mannschaft.

Zeit, vor der nächsten Runde die Mägen zu füllen. Dem Nonstop-100%-Service des nahe gelegenen Alsfeld-Döners zum Dank bleibt auch niemand hungrig. Kaum auszudenken, wie lang die Schlange vor der einzigen Essens-Bude vor der Halle gewesen wäre, wenn es sich nicht dadurch etwas verteilt hätte.

Die Chrome Division legt mit beachtlicher Verspätung los und man fragt sich irgendwie, warum auf der einen Seite Set-Verkürzungen sind, wenn auf der anderen Seite die Umbaupausen/Soundchecks der Bands unnötig in die Länge gezogen werden.
Die Verpflichtung der Norweger ist an sich keine Schlechte Idee. Rock ’n‘ rolliger Blues Metal mit Motörhead-Kante als kleiner Farbtupfer im Billing. Auch die Leistung der Truppe um Dimmu Borgirs Shagrath blieb tadellos. Trotzdem wirkte die Band irgendwie Fehl am Platz. Vielleicht weil viele Besucher den Gig zum pausieren nutzten und kaum Stimmung aufkam? Ja, vielleicht?
Taake konnten mich am heutigen Abend nicht überzeugen. Frontpsycho Hoest gab sich zwar redlich Mühe und konnte bei seinen Fans wohl auch punkten. Für die Highlights auf dem Kings Of Black Metal sorgten jedoch andere.
Für wahre Underground-Fans war dies sicher einer der seltenen Auftritte von Inquisition. Das Duo (ja, richtig gelesen: Duo!) konnte nach ewig langem Umbau und Soundcheck eine kleine Kostprobe des Könnens geben und beweisen, dass man auch zu zweit erheblich viel Lärm produzieren kann. Auch die Amis mussten ihr Set von geplant 70 auf 45(!) Minuten kürzen. Sehr ärgerlich für die zahlreichen Anhänger. Somit war pünktlich um 22:45 Uhr Schluss. Eigentlich gut für die Fans von Watain. Doch die Schweden lassen sich viel Zeit. Für Umbau und Soundcheck vergehen lange 60 Minuten. Und das zu einer Uhrzeit, zu der die noch Anwesenden bereits seit fast 12 Stunden auf den Beinen stehen.
p1080194Dafür werden die letzten Verbliebenen jedoch mit einer perfekt inszenierten, genialen Bühnenshow, geilen Songs und beeindruckender Performance belohnt. Im Fokus stand das aktuelle Werk „Lawless Darkness“, von dem vor allem das mächtige, mit punktgenauen Pyros untermalte „Reaping Death“ und das abschließende 15-minütige Epos „Waters Of Ain“ beeindruckten, zu dem scheinbar die ganze Bühne im Flammen gehüllt schien. Zuvor intonierte die Truppe eine bärenstarke Version von Dissections „The Somberlain“. Leider verhinderte die niedrige Bühne (von wegen „bessere Sichtvoraussetzungen“) die Sicht auf einige schöne Details der Show.
Als um 1:15 Uhr die Lichter in der Halle angingen, waren sich alle einig: Musik und Show waren klasse! Aber Kraft zum Abgehen hatte kaum noch jemand.
Auftritte um diese Uhrzeit sind weder für die Fans (die ja teilweise von weit her angereist sind und eine entsprechend lange Rückfahrt vor sich haben) noch für die Bands dankbar. Warum spielten Watain denn sonst vor weniger Fans als Under That Spell zu Beginn?

Zwei Bands weniger und dafür ein früheres Ende wäre für alle Beteiligten sicher die bessere Alternative gewesen. Zudem gibt es noch etliche organisatorische Mängel zu beheben. Mängel, die ich von erfahrenen Konzertveranstaltern in dieser Form nicht vermutet hätte. Dank der guten Musik kann der Abend dennoch als Erfolg verbucht werden. Auch wenn ich mein eigenes Erscheinen bei einer nächsten Auflage von mehr als der Musik abhängig machen werde. (mk)

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