Wo rohe Kräfte sinnvoll walten

Verfasst am 26. August 2008 von Mathias Anthes (Kategorie: Festival-Rezensionen) — 2.485 views

Summer Breeze Open Air 2008

14.-16.08.2008 – Flugplatz Aeroclub, Dinkelsbühl

Dinkelsbühl ist eine große Kreisstadt im Freistaat Bayern an der Grenze zu Baden-Württemberg und bekannt für ihr gut erhaltenes spätmittelalterliches Stadtbild.
Doch Dinkelsbühl ist noch für etwas anderes bekannt: Das Summer Breeze Open Air!

Es ist mittlerweile die 11. Ausgabe des Festivals und die dritte in Dinkelsbühl, nachdem man den ehemaligen Veranstaltungsort in Abtsgmünd aufgegeben hatte.

Doch noch bevor man das Festivalgelände erreichen konnte gingen die Probleme los. Da Glas vollkommen verboten war, wurden alle Fahrzeuge penibel genau durchsucht. Das führte natürlich zu einem monströsen Stau, der sich über mindestens neun Kilometer erstreckte. Wir standen alleine 10 Stunden, bis unsere österreichischen Vordermänner umdrehten und uns über eine abenteuerliche Alternativroute führten (Polen und Frankreich blieben diesmal verschont). Tatsächlich waren wir in der Lage mehr als 7 Kilometer des Staus zu umfahren und haben uns somit knapp vier Stunden weitere Standzeit erspart.
Ob Sinn oder Unsinn kann jeder für sich entscheiden, Fakt ist aber, dass meine Jack-Daniels-Glasflasche nicht gefunden wurde, obwohl sie unversteckt hinter dem Fahrersitz lag…

Nach diesem eher unguten Start waren meine Gefühle über das Festival gemischt. Doch das dauerte nicht lange, denn ansonsten gab es eigentlich kaum etwas zu bemängeln.

Die Sanitärenanlagen waren in großer Stückzahl vorhanden und wurden oft geleert, es gab Einzeilduschkabinen, an den Ständen musste man selten lange warten, die Preise waren für die gebotene Ware in Ordnung und die Abfertigung am Eingang zu den Bühnen ging schnell von statten. Auch die Shuttle-Busse waren in Ordnung; zwar waren sie meist voll, doch dafür fuhren sie relativ häufig und waren kostenlos. Besonders erfreulich war auch, dass es für das Abgeben des vollen Müllsackes nicht, wie sonst üblich, irgendeine Sampler-CD gab, sondern ein DIN A0 großes Poster des Festivals aus der Vogelperspektive – ein wahrer Blickfang in der heimischen Wohnung.
Überraschend war auch, dass es morgens auf dem Zeltplatz richtig ruhig war. Auf Wacken zum Beispiel ist rund um die Uhr irgendwo laute Musik zu hören, aber hier nicht. Vielleicht liegt es daran, dass auf dem Summer Breeze „nur“ 26000 Leute waren und nicht 85000 wie auf Wacken.
Doch einen Wermutstropfen gab es trotzdem, denn es gab fast nie Soundchecks. Das Ergebnis war ein oft etwas schwachbrüstiger Sound, aber merkwürdigerweise wechselte das immer wieder; mal war der Klang super, mal enttäuschend.

Doch kommen wir zum Wichtigsten: Den Bands.


Donnerstag, 14.08.2008

Graveworm (16:10-16:55/Pain Stage)
Die Südtiroler waren die erste Band, denen ich meine Aufmerksamkeit schenkte. Zu Recht wie sich herrausstellte, denn die Dark Metaller ließen es krachen, als wären sie eine reinrassige Death-Metal-Band. Da viel Geballer und zwei Walls Of Death ziemlich anstrengend sein können, verschenkte Sänger Stefan Fiori Wasserflaschen, um die ausgelaugten Metaller wieder zu stärken.

Soilwork (17:00-17:50/Main Stage)
Soilwork waren leider eine der Bands, bei denen der Sound irgendwie keinen Druck hatte. Zwar wurde es bereits ab dem dritten Song „Exile“ besser und kurz gegen Ende mit „Figure Numer Five“ nochmal ein wenig, aber perfekt war es noch lange nicht. Dennoch spielten die Schweden was das Zeug hielt und konnten das Publikum mit Songs wie „Nerve“, „Bastard Chain“ oder „Summer Breeze Syndrom“ (eigentlich „The Pittsburgh Syndrome“) mehr als glücklich machen.

Arch Enemy (18:45-19:45/Main Stage)
Ein wirklich heißer Auftritt, was nicht nur an Frontfrau Angela Gossow lag. Die „Ausziehen!“-Rufe konterte sie geschickt, indem sie davon „ausging“, dass Bassist Sharlee D’Angelo gemeint war, ließ aber trotzdem kurz ihren Bauch aufblitzen. Die Kölnerin freute sich auch darüber, endlich mal wieder ihre Ansagen auf Deutsch machen zu können.
Aber auch die Amott-Brüder haben ihren Teil dazubeigetragen, dass sich dieser Auftritt im Gedächtnis festbeißt wie eine Zecke am Hund. Bei Songs wie „Nemesis“, „My Apocalypse“, „Revolution Begins“ oder „We Will Rise“ kann aber auch nichts schiefgehen.


Freitag, 15.08.2008

Dark Age (11:00-11:25/Pain Stage)
Bei den Hamburgern von Dark Age war eine so gute Stimmung, dass sie bereits für den Soundchek Applaus bekamen. Das Ganze sollte sogar noch besser werden, Keyboarder Martin Reichert warf während des Auftrittes T-Shirts in die Menge, die sie natürlich dankend auffing. Vor allem das aktuelle Album „Minus Exitus“ und der Vorgänger „Dark Age“ wurden zelebriert, aber mit dem älteren „Suicide Crew“ fanden sie den perfekten Abschlusssong. Es wurde zwar lauthals nach einer Zugabe gerufen, doch der straffe Zeitplan verhinderte dies. Eine Schande, dass solche Herzblutmusiker nur so kurz spielen durften.

Heidevolk (11:30-12:00/Main Stage)
Die Niederländer von Heidevolk ließen es sich nicht nehmen, das Publikum stilecht in Gewandung, komplett mit Schwert und Schild, zu begrüßen. Die Atmosphäre wurde von Sänger Mark Splintervuyscht noch weiter vertieft, indem er mit seinem Rufhorn immer wieder zum „Angriff“ blies. Trotz des Regens folgte die Meute seinen Befehlen und hatte sozusagen einen „Heidenspaß“. Auch der Sound konnte überzeugen, selbst die Geige bei „Het Gelders Volkslied“ war klar herauszuhören.

Megaherz (14:40-15:15/Pain Stage)
Seit langem mal wieder spielen Megaherz auf einem Festival, nachdem die Band schwere Zeiten durchstehen musste. Das merkte man ihnen aber nicht an, sie strotzten nur so vor Energie, die sie voller Enthusiasmus in ihre Songs steckten. Viele davon finden sich auf dem aktuellen Album „Heuchler“ wieder, so der gleichnamige Titelsong, „Fauler Zauber“ oder auch „Mann Von Welt“. Doch der wohl beste Song der Setlist war das vom Publikum laut mitgegrölte „Miststück“.

Korpiklaani (15:20-16:05/Main Stage)
Hier hat der Soundtechniker richtig Mist gebaut. Von Beginn an war der Sound zu höhenlastig und blechern und wurde im Verlauf des Auftrittes sogar noch schlechter.
Den Metallern war das jedoch egal, sie tanzten und headbangten frohen Mutes und ließen sich von solchen Missgeschicken nicht die gute Laune nehmen. Im Gegenteil, die Finnen konnten die Stimmung immer mehr anheizen und machten jede Menge Metalheads glücklich.

Enemy Of The Sun (16:00-16:30/Party Tent)
Enemy Of The Sun waren definitiv eine der größten Überraschungen auf dem Festival. Ohne einen Song zu kennen, wollte ich der Band um Waldemar Sorychta mal eine Chance geben – und tatsächlich, sie haben sie sehr gut ausgenutzt. Neben Death/Thrash Metal der alten Schule boten sie auch einige Raffinessen, wie zum Beispiel die Flamenco-Elemente, die sie in manche Songs einbauten. Sänger Joules Näveri hatte die Ausdauer des Duracell-Hasen und sprang und headbangte den gesamten Auftritt durch. Aber besonders der unerwartete Auftritt von Ex-Grip-Inc.-Sänger Gus Chambers sorgte für Furore.

Eluveitie (17:55-18:40/Pain Stage)
Mit den Schweizern von Eluveitie kam eine weitere Pagan-/Folk-Band zum Zuge.
Trotz ihrer eigentlich eher mittelalterlichen Musik verwenden sie doch auch „moderne“ Riffs, die stellenweise stark an Dark Tranquillity erinnern. Da nicht jeder des helvetischen Gälischs mächtig ist, brachte Sänger Christian „Chrigel“ Glanzmann dem Publikum ein paar Worte alt-keltisch bei. Doch statt tiefgründiger Philosophie bedeuteten diese Worte lediglich „Frau, hol mir ein Bier“.
Dessen ungeachtet eine sehr gute Schau, die man mal gesehen haben sollte.

Six Feet Under (20:45-21:45/Main Stage)
Ein routinierter Auftritt des amerikanischen Quartetts. Gespielt wurde quer durch ihr bisheriges Schaffen, unter anderem „Revenge Of The Zombie“, „Shadow Of The Reaper“ und „Human Target“. Der Höhepunkt war das letzte Lied, die beliebte Coverversion von AC/DCs „T.N.T.“, bei dem der gesamte Festivalplatz mitsang und dabei sogar lauter war als die Band selbst.

Kataklysm (21:50-22:40/Pain Stage)
Noch während des Aufbaus fragte man sich: „Kein Banner?“, doch lange konnte man sich nicht mit dieser Frage beschäftigen, denn die Kanadier gaben gleich Vollgas. Jedoch nicht mit ihrem eigenen Equipment, sondern dem von Eluveitie und Aborted. Die Fluggesellschaft British Airways hatte Kataklysms gesamte Ausrüstung verloren – damit klärte sich auch die Frage um den fehlenden Banner. Der Leistung der Band tat das keinen Abbruch, brutal wie immer zeigten sie dem Publikum wo der Hammer hängt.
Selbst der wohl bekannteste Metaller Deutschlands – Singh – lies sich das Spektakel nicht entgehen. Da Deutschland, nach eigener Aussage, ihre „wahre“ Heimat ist, hatten wir das Privileg einer Premiere beizuwohnen. „Chronicles Of The Damned“ hatten sie noch nie in ihrer Bandgeschichte live gespielt, doch diesmal war es soweit.
Viel zu schnell war der Auftritt vorüber, doch sie haben versprochen mit einer Überraschung wiederzukommen. Wir sind gespannt!

Textures (23:00-23:45/Party Tent)
Trotz der späten Stunde waren die Niederländer topfit und ließen es nach dem eher ruhigen, Opeth-artigen Intro so richtig krachen. Mit ihrem technischen Death Metal waren sie in der Lage, selbst die müdesten Leute zum Headbangen zu bewegen.
Auf ihrem Programm standen unter anderem: „Swandive“, „Transgression“, „The Sun’s Architect“ und „Polars“. Schade, dass sie nur im Zelt spielen durften, ein Auftritt auf der Pain Stage wäre auf jeden Fall gerechtfertigt gewesen.

Hollenthon (00:15-01:00/Party Tent)
Von Hollenthon wurde mir schon viel Gutes erzählt, also musste ich mir die vier Wiener unbedingt mal ansehen. Zwar waren sie sehr engagiert und steckten voller Energie, doch war der Sound derartig laut aufgedreht, dass es nur noch weh tat. Man konnte nicht heraushören, ob die Geräusche im Hintergrund absichtlich eingespielte Samples waren oder schlichtweg Rückkopplungen. Sehr schade, denn es hätte ein klasse Konzert werden können, doch unter diesen Umständen leider unmöglich.


Samstag, 16.08.2008

Endstille (13:55-14:35/Main Stage)
Nun sollte es düster werden – Endstille betreten die Bretter. Die Kieler überzeugten vorallem durch kompromisloses Gebolze und nicht vorhandene Ansagen. Nur kurz gegen Ende zeigte Sänger Iblis einen Ansatz von Humor: Als er auf die Frage, welches Lied das Publikum als nächstes hören möchte, nur ein unverständliches Gegrummel hörte, erwiderte er: „Den Song haben wir nicht.“, und zeigte sogar ein Lächeln dabei.
Ob Monotonie nun ein geniales stilistisches Mittel oder musikalisches Unvermögen ist sei mal dahingestellt, aber zweifellos haben Endstille mal wieder die Gelüste der Black-Metal-Fraktion zutiefst befriedigt.

Ensiferum (17:00-17:50/Main Stage)
Eine feste Institution in Sachen Viking/Folk Metal sind definitiv die Finnen von Ensiferum. Mit Kriegsbemalung und mit im Design der finnischen Nationalflagge gestalteten Röcken gekleidet luden sie zum fröhlichen Trinken und Headbangen ein. Nach ihren eigenen Songs wie „Lai Lai Hei!“, „Battle Song“, „Tale Of Revenge“ und „Iron“ wagten sie sich sogar an einen Klassiker, und gaben einen Teil von Iron Maidens „The Trooper“ zum Besten.
Manche bemängeln Ensiferums Kreativität auf der Bühne, doch mich haben sie mal wieder mit ihren musikalischen Künsten überzeugt.

Sonic Syndicate (19:50-20:40/Pain Stage)
Nur wenige Sekunden nachdem sie auf die Bühne gestürmt sind, hauten die Schweden mächtig in die Saiten – dumm nur, dass man nichts hörte. Der Fluch des fehlenden Soundchecks hatte wieder zugeschlagen. Doch egal ob mit oder ohne Gitarren, wirklich überragend war die gebotene Schau nicht. Das immergleiche Herumgerenne wirkt irgendwann einfach nur albern. Wahrscheinlich wollten sie damit ihre kommende DVD aufpeppen, für die der Auftritt mitgeschnitten wurde. Sie hätten ihre Spielposition lieber mit Dark Age tauschen sollen, die hätten es verdient gehabt.

Heaven Shall Burn (20:45-21:45/Main Stage)
Mit Heaven Shall Burn hatte der Samstag seinen Höhepunkt erreicht; eine solch gute Stimmung hatte wohl keine Band erzeugen können. Ob der sächsische Dialekt von Sänger Marcus Bischoff etwas dazu beigetragen hat? Egal was er sagte, das Publikum führte seine Befehle sofort aus. Besonders die Wall Of Death während „Voice Of The Voiceless“ hatte es in sich: Statt wie bei einer normalen WoD nach dem Aufeinandertreffen in einen normalen Mosh Pit überzugehen, sollte sich die Masse erneut spalten und wieder aufeinander zustürmen. Den gesamten Song über wurde dieses Spiel vollzogen. Doch es wurde noch extremer. Der spätere Circle Pit erstreckte sich um beide Kontrolltürme – doch nicht wie normal in einer Richtung, oh nein. Ein zweiter Circle Pit im Inneren ging in die entgegengesetzte Richtung.
Mit ihren Songs wie „The Weapon They Fear“, „Endzeit“, „The Only Truth“ oder dem Edge-Of-Sanitiy-Cover „Black Tears“ bewiesen sie auch, dass sie sich vom Metalcore abgewendet und nun endgültig dem modernen Death Metal verschrieben haben.
Wer diesen genialen Auftritt verpasst hat, sollte sich die kommende DVD der Band besorgen, denn die gesamte Darbietung wurde extra für diese aufgenommen. Ich werde sie mir auf jeden Fall kaufen!

Was soll man zum Abschluss sagen? Abgesehen von dem Hader mit den Kontrollen war es ein absolut hervorragendes Festival, dass ich definitiv nicht zum letzten Mal besucht habe. Für 2009 sind bereits Bands wie Amon Amarth, Volbeat und Legion Of The Damned bestätigt – alleine dafür würde sich ein Wiederkommen lohnen. Ich kann wirklich jedem nur anraten, mal dort gewesen zu sein, Ihr werdet nicht enttäuscht werden!

(ma)

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