Emil Bulls

Verfasst am 13. November 2012 von Gringer (Kategorie: Interviews) — 1.473 views

Schwarz und weiß

Zum wiederholten Male sollten die Münchner Emil Bulls den Colos-Saal in einen Hexenkessel verwandeln (siehe Live-Bericht) – deswegen wurde es für uns endlich mal Zeit, die Herren zum Gespräch zu bitten. Unsere Redakteurin Linda hat Bassist James Richardson und Sänger Christoph von Freydorf kurz vor dem Auftritt Backstage besucht.

Metal-Aschaffenburg: Schön, dass ihr Wiederholungstäter seid und mich in eurem selbstbetitelten Wohnzimmer empfangt!

James Richardson: Weil wir immer wieder in den Colos-Saal herkommen? Ja, immer wieder gern.

Es scheint ja auch zu funktionieren

J: Ja, die Leute kommen ja auch immer wieder und haben uns hier anscheinend sehr gern.
Wir sind auch sehr früh nach Aschaffenburg gefahren und das danken uns die Leute immer noch. Ja, wir kommen auch immer wieder brav.

Ich versteh den Vorwurf nicht, dass euer neues Album „Oceanic“ besonders cheesy sein soll. Wenn man genau hinhört, haben die Alben davor genauso cheesige Parts.

J: Wir sind auch eigentlich alle ziemlich gleich angegangen. Zumindest die letzten drei. Obwohl wir bei der „The Black Path“ noch eher gesagt haben, wir müssen jetzt mal voll auf die Zwölf, weil wir jetzt irgendwie die Möglichkeit dazu haben. Auch bei der Platte vor „Oceanic“ – bei der „Phoenix“ – da haben wir unseren Stil schon irgendwie gefunden.

Eher behalten.

J: Ja, eher noch ausgefeilt.

Oder dazu gestanden?

J: Zu der cheesigen Seite haben wir immer gestanden.

Eure Schubladenprobleme sind meines Erachtens mit Christophs Beschreibung, eure Musik sei wie Zuckerbrot & Peitsche, gelöst.

J: Tja, also, das haben wir eigentlich schon immer gemacht. Vielleicht ist es bei den Platten davor nicht so rausgekommen.

Von jedem Bandmember war zu lesen, dass ihr euch durchdringen musstet auf einen Nenner zu kommen und ich finde, das hört man dem Album überhaupt nicht an. Das klingt so aus einem Guss, als ob es so sein sollte.

J: Also es war auf jeden Fall harte Arbeit. Wir sind musikalisch gesehen Fünf sehr starke Individuen und haben alle unseren eigenen Kopf. Das Spannende und das Schöne ist eigentlich, dass wir es immer wieder sehr gut zusammen kriegen. Das ist jedes Mal ein hartes Stück Arbeit und war bei der „Oceanic“ sogar besonders hart, aber im Endeffekt klappt es immer wieder.

Für mich klingt’s homogen.

J: (lacht) So soll’s ja auch sein.

Sind eure Geschmäcker denn wirklich so unterschiedlich?

Der bisher am Laptop versunkene Christoph klingt sich nun doch ins Interview ein und lässt James ein wenig in den Hintergrund treten.

Christoph von Freydorf: Wir hören schon alle sehr viel verschiedene Musik. Der eine das bisschen ausgeprägter, der andere das, aber im Grunde genommen haben wir alle den gleichen Musikgeschmack.

J: Es gibt so einen gemeinsamen Nenner.

C: Dass du sagst, dass das Album homogen klingt, finde ich sehr gut, nachdem wir soviel Streit hatten. Dann hat sich das Köpfeeinschlagen gelohnt. Das Problem ist, dass wir selber schon soviel Erfahrung haben, dass wir einfach am Anfang gemerkt haben, dass die ersten Songs, die wir zusammen gemacht haben, eben nicht so waren. Da musste es einfach mal einen Paukenschlag geben und wir uns sagen, dass es einfach noch nix ist, dass hier Schicht ist und wir uns neu sammeln müssen. Wir haben dann einfach so lange an dem Zeug geschrieben, bis wir das Gefühl hatten, dass es wieder Emil Bulls ist, dass es nach uns klingt und nicht nach irgendwas Zusammengequirltem.

Ihr wart auch konfrontiert mit Ratschlägen von außen – die müssten demnach doch eigentlich total bei euch abblitzen?

C: Das blitzt bei uns schon seit jeher ab.

J: Da haben wir uns nie dran orientiert, aber es ist ja so: Wenn man etwas von außen hört, dann vergisst man das nicht sofort. Es ist natürlich schon bisschen im Kopf drin, aber im Endeffekt kann man bei uns eigentlich nicht reinreden, egal um welchen künstlerischen Prozess es geht.

Getäuscht von eurem jungen Publikum, war ich dem Irrglauben erlegen, ihr wärt auch voll jung.

C: Noch besser, du machst dich immer beliebter! (lacht)

J: Wir sind blutjung! Wir werden nächstes Jahr volljährig.

C: Gemeint ist die Band Emil Bull – die gibt’s jetzt schon 17 Jahre. Wir selbst sind alle Anfang/Mitte 30.

Dennoch hat es mich überrascht.

C: Aber das ist doch gut, dass das die Leute nicht so auf dem Schirm haben, dann denken die eine neue Band…

J: Es ist aber auch nicht normal, dass eine Band noch mal so eine Chance hat von vorne anzufangen, wie wir zwei Platten zuvor. Wir waren so weg vom Fenster und dann haben wir gedacht: „Jetzt erst recht!“. Dann haben wir aus unserem Bauch heraus voll auf die Zwölf geschrieben. Das war quasi noch mal ein Neuanfang.

C: Wir sind einige der wenigen Bands, die die Chance hatte, in ihrer Karriere zweimal ein Debütalbum zu machen. Zuerst „Angel Delivery Service“ und dann „The Black Path“.

Ja, dennoch musst du aber erstmal den Atem haben, bis zu dieser Chance zu kommen.

C: Genau! Das ist unserem Kampfgeist und unserem Ehrgeiz zu verdanken. Wahrscheinlich hätten 90 % aller Bands vor dem zweiten Debütalbum einfach aufgegeben. Und irgendwie war das bei uns so – zumindest bei den drei Gründungsmitgliedern, die jetzt immer noch dabei sind – eben der James, der Moik und ich – dass uns jeder Niederschlag eigentlich immer stärker gemacht hat. Komischerweise. Natürlich haben wir auch nachgedacht: „Hey Jungs, jetzt mal ganz ehrlich: Klar, wir wollen Musik machen. Das ist unser Leben, aber ist es noch vernünftig, was wir da gerade machen? Oder verbauen wir durch unsere Musik, mit dem naiven Traum sozusagen, das ganze restliche Leben?“ Weil wir an irgendwas festhalten, wo gar nicht mehr ist. Das waren natürlich schon Gedanken, die dir durch den Kopf gehen. Dann gehst du in dich und versuchst mit dir auszumachen, dass du die Musik jetzt sein lässt – aber es funktioniert nicht, weil du tief drinnen bist und auch noch so viel gekämpft hast wie wir. Dann kam zum richtigen Moment auch die richtige Chance und die haben wir auch genutzt. Das war unser Rettungsboot. Mal schauen, wenn wir das nächste Debütalbum machen. Also eins pack ich noch.

J: Auf jeden Fall.

Wie kam es denn zu dem Auftritt mit B-Tight beim Bundesvision-Songcontest?

C: Ich habe das komplette Album und auch teilweise die Songs dafür geschrieben und meine Stimme geliehen. Das Projekt hat eigentlich mit den Emil Bulls überhaupt nix zu tun. Um das Ding live auf die Bühne zu bringen, hab‘ ich mir gedacht, warum soll man sich irgendwelche Musiker suchen, wenn man doch die besten in den eigenen Reihen hat und da sind James und Klaus noch mit reingerutscht. Deswegen haben viele gedacht, dass das dort Emil Bulls feat. B-Tight waren – war es aber nicht.

Warum seid ihr nicht selbst aufgetreten?

C: Das ist ’ne gute Frage. Auch wenn wir die Chance dafür gehabt hätten, bin ich mir nicht sicher, ob wir das mit Emil Bulls überhaupt gemacht hätten.
Ich glaub‘ bei einer Band wie Emil Bulls ist die Gefahr sehr, sehr groß, dass man da sehr viel an Credibility verliert. Das ist uns schon öfter mal in unserer Karriere passiert.
Klar, es ist ein gutes Promo-Tool, das lässt sich nicht abstreiten, aber ich weiß nicht, ob das für Emil Bulls die richtige Veranstaltung ist.
Außerdem kommen Emil Bulls nicht in Frage, weil die Vorraussetzung ist, dass man deutsch singt.
Bei diesem B-Tight-Projekt hat sich die Frage irgendwie gar nicht gestellt, ob man da jetzt mitmacht oder nicht. Die Chance, dort mit B-Tight aufzutreten, hat sich einfach irgendwann ergeben und dann haben wir gedacht, wir haben eh nichts zu verlieren, da uns dort eh keine Sau kennt, also lass uns da mitmachen. Wir haben uns dann gefreut da mitzumachen und waren gespannt, wie es da abgehen wird.
Dann kam uns aber irgendwann der Gedanke, dass es schon ein riskanter Beitrag ist, weil ihn kein Mensch kennt und für so ein Mainstream-Event schon ganz schön hart. Für mich war alles außer Letzter nur Bonus. Für mich war dann einfach nur Weihnachten – ich hab’s total abgefeiert, als wir dann in diesem Greenroom saßen und die  Punkteverteilungen kamen und wir in den ersten zwei Runden schon Punkte hatten und es dann hieß, wir können nicht mehr Letzter werden. Jeden Platz den wir hoch gerutscht sind haben wir nur gefeiert. Am Ende war es dann Platz 7 und das ist für ein Projekt, was an dem Tag mehr oder weniger seine Geburtsstunde in der Öffentlichkeit hatte, ein super Erfolg.

Ja, aber ich glaube, das darf man nicht so ernst nehmen, oder? Die wirklich guten Beiträge gewinnen da nicht.

C: Ja, als Deichkind da mitgemacht haben, waren die Letzter und schaut euch an, was aus denen geworden ist.

Ihr macht ja ziemlich geile Videos. Wer finanziert diese Produktion? Bringt es so was wirklich?

J: Wir hatten das Glück bei dem Video, dass es teurer aussieht, als es ist.

C: Unsere Videos sind nicht teuer. Wenn wir das jetzt sagen würden – nein, dann machen wir den Markt kaputt. Es ist gut, dass wir über die ganzen Jahre Leute gefunden haben, bei denen wir wissen, dass sie mit wenig Aufwand und wenig Budget auch noch ein gutes Video machen können. Ohne, dass man sie ausnutzt. Es gibt so viele Regisseure, die für sie selbst gar nichts mehr übrig lassen. Bei den Typen, mit denen wir öfter zusammen arbeiten, ist es so, dass die von vornherein wissen, war wir für ein Budget haben und sie können dann ihr Konzept und ihre Fähigkeiten so stricken, dass für beide Seiten am Ende alles cool ist. Sogar unsere Plattenfirma war überrascht, dass wir mit der wenigen Kohle so ein Video gemacht haben.
Der Typ, der unser aktuelles Video zu „Not Tonight Jospehine“ gedreht hat, bekam sogar sofort Folgeaufträge und wurde für andere Bands, wie z. B. die Letzte Instanz vorgeschlagen. Auf diese Art gegenseitiges Empfehlen und Weitergeben hat dann jeder etwas davon.

Macht ihr das zur Spaß an der Freude oder nur aus Promozwecken?

C: Ein Video für Bands wie uns, die jetzt im Radio gar nicht stattfinden und auf MTV erst recht nicht, seitdem es nur noch Pay-TV-Sender ist, ist es eine wahnsinnig wichtige Sache für die ganzen Plattformen wie Facebook und YouTube. Wir haben halt keine andere Möglichkeit und nutzen das Internet als Plattform und müssen hoffen oder drauf zählen, dass viel Mundpropaganda stattfindet, es viel geteilt wird und sich herumspricht.

Im Grunde das gleiche wie früher, nur auf anderen/mehreren Kanälen.

C: Es geht einfach darum, dass du da am Ball bleibst.

Wer ist denn für euren Merch-Stil verantwortlich? Der ist ja schon bisschen „Bäm!“ im Sinne von bunt.

C: (prustet)

J: Ist das so?

Wollt ihr extra ein bisschen auffallen?

C: Beschreiben wir es mal so – unser Merch ist jetzt nicht klassischer Metal oder ein einfaches Opeth-Shirt wie deines. Nicht nur unser Merch, sondern unser komplettes Artwork, unser Bühnenkonzept ist schon eine Ansage, dass man sich traut. Ich find es schon geil, wenn ich auf das Summerbreeze-Festival fahre und dort haben alle schwarze Banner und alles ist dunkel und wir sind die einzige Band, die alles weiß hat. Wir sagen damit, dass wir zwar anders sind, aber doch hier spielen. Dass wir einfach mal alles umdrehen. Wir stehen dem dortigen Härtegrad in nichts nach, sondern geben dem ganzen optisch mal eine andere Gestalt. Weiß kann auch böse sein.

Warum dann kein weißes „Oceanic“-Shirt?

C: Wir haben durch die Jahre gelernt, dass es ein Problem ist, T-Shirts in einer breiten Farbpalette zu verkaufen. Da hast du keine Chance. Das einzige, was sich verkauft ist, schwarz und macht ca. 80 % vom Merch aus.

Ich hatte mich auch nicht getraut, zur „Phoenix“-Tour ein T-Shirt zu kaufen.

C: Das ging vielen so. Wir hatten die Tour da auch gesplittet und im ersten Block kaum Merch verkauft. Das ganze musste erstmal cool werden, die Leute mussten sich erstmal trauen. Andererseits denke ich immer, wenn es Rammstein machen würde, dann wäre es wahnsinnig cool und total krass, dass die jetzt einfach mal in weiß machen. Oder Radiohead oder sonst wer.

Deine Bezeichnung Zuckerbrot & Peitsche finde ich sehr passend. Dennoch sind sich viele der eigentlichen Härte von Emil Bulls überhaupt nicht bewusst und es bleiben nur die Refrains hängen.

C: Man muss erstmal schnallen, dass die Härte, also die Peitsche, viel krasser ist, je süßer das Zuckerbrot davor war. Dann kriegst du halt noch mehr eine Schelle.

Damit werdet ihr halt immer zu kämpfen haben.

J: Auf jeden Fall und auch mit weißen Artworks und so. Da haben wir keine Angst mehr. Wir scheuen uns nicht mehr, das zu zeigen. Die Leute nehmen uns halt so wahr, dass wir irgendwie anderes sind, nicht so total Metal und da haben wir glaube ich auch kein Problem mit.

Das ist auch gut, weil sonst gebe es das ja auch schon zu genüge. Es gibt ja auch genug, die die ganze Zeit auf der Bühne rumbrüllen und dann separat ihre Ballade bringen, bringen es aber nicht fertig, dass in einen Song zu packen, aber da kann man sich totstreiten.

J: Ja, wir machen einfach das, was wir am besten können.

In diesem Sinne!

Ein Dankeschön beiderseits von Metal-Aschaffenburg an einen charmant, chilligem James und einen aufgekratzten und dennoch coolen Christoph.

(lkb)

www.EmilBulls.de

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