LucasArts und Religion

Verfasst am 09. März 2010 von Michael Klein (Kategorie: Interviews) — 1.806 views

Ein Interview mit The Suicide Kings

Im US-amerikanischen Thriller „Suicide Kings“ von Peter O’Fallon geht es um Entführungen, Erpressungen, Todesdrohungen und Betrügereien.
Dagegen war das Interview mir der gleichnamigen hessischen Punk-und Metalband das reinste Zuckerschlecken. Metal-Aschaffenburg hat sich im gemütlichen Dead End mit der Band zusammengesetzt. Doch statt einem Giftkelch gab es Bier, statt Mafia-Verhör ein spannendes Interview:

Metal-Aschaffenburg (Tim): Euer neues Album „Rule The Apocalypse“ ist seit letztem Jahr draußen. Wie zufrieden seid ihr denn bis jetzt?

Tober: Ich sag mal: Sehr zufrieden – vor allem was die Songs, die Produktion, und den Sound angeht. Das ist zum ersten Album auf jeden Fall eine Steigerung. Schon nachdem es gemastert war und bevor es ins Presswerk ging waren wir schon absolut zufrieden. Spätestens als das Layout noch dazukam.

MA (T): Das sind die zwei Sachen, die für mich besonders auffallen. Das Layout und die Produktion sind super gelungen. Ihr habt die Scheibe beim Disbelief-Gitarristen Witali aufgenommen. Wie war’s?

Rüdiger: Sehr locker – weil wir mit dem Witali ja auch befreundet sind. Auf Grund dessen war es wirklich richtig lustig. Eigentlich mehr lustig wie Arbeit. (lacht)

T: Ja, das stimmt.

MA (T): Wie lange wart ihr dort?

R: Also wir waren nicht immer am Stück dort. Wir waren phasenweise dort. Immer so drei- bis vier-Tage-Phasen.

T: Also es hat sich voll gezogen.

R: Im August haben wir angefangen mit den Pilotspuren.

T: Fertig waren wir Ende September/Anfang Oktober. Aber da waren natürlich kurze Pausen dazwischen weil Witali das ja auch nicht hauptberuflich macht.

Metal-Aschaffenburg (Linda): Wie macht dir das dann? Nehmt ihr euch extra Urlaub dafür? Wie regelt man das?

T: Ich hatte da frei und hab die kompletten Gitarren am Stück eingespielt. Also ich war jeden Tag im Studio gewesen bis alles drin war. Bis zum Ende hat sich das dann aber noch ein bisschen hingezogen…

R: …weil Witali auch noch mit Disbelief auf Tour war. Da konnten wir dann am Wochenende nichts aufnehmen. Unter der Woche war es dann für uns immer schwierig, weil wir alle arbeiten mussten. Wenn du nach der Arbeit da hingehst, bekommst du nicht mehr viel hin.

MA (T): Irgendwann muss man doch auch auf das Budget gucken. Das spielt ja auch eine Rolle, wenn man über so einen riesigen Zeitraum aufnimmt.

R: Da hatten wir dann diesen Kumpelbonus. (lacht)

T: An dieser Stelle muss man auch mal Werbung für den Witali machen. Er hat jetzt sein Studio ziemlich neu. Das FilliTalli-Studio in Groß-Umstadt/Groß Bieberau. Wir waren jetzt seine erste richtige Produktion als komplettes Album.

MA (T): Und das Ergebnis klingt wirklich sehr gut. Kann man wirklich empfehlen. Dazu habt ihr dann noch den Bonus gehabt, dass er gleich einen Gastbeitrag geliefert hat.

R: (lacht) Weil er bei Disbelief keine Solis spielen darf.

MA (T): Er ist auf „Rule The Apocalypse“ gleich zwei Mal zu hören. Im Titelsong und im Instrumental „Surrounded By Evil“. Dieses finde ich ziemlich herausragend – weil es sich im positiven Sinne vom Rest stark abhebt. Gab es einen Grundgedanken das Stück mit drauf zu packen?

R: Wir wollten es nicht nur als Instrumentalstück, sondern auch als Intro für unsere Bühne, die Live-Auftritte haben. Es läuft jetzt immer als Intro. Es soll einfach im vornherein ein bisschen Stimmung beim Publikum hervorrufen. Es ist ja ein bisschen düster, mystisch und hat doch schön Power und ein gutes Solo – was dann noch gut anzieht und die Leute dann zum Teil schon richtig gut drauf kommen.

MA (T): Das gelungene Artwork haben wir ja schon angesprochen. Für mich eines der schönsten Artworks des ganzen Labels. Wie seid ihr denn auf das Bild gekommen?

R: Das ist eine lustige Geschichte. Wir hatten zuerst gar kein Cover. Ursprünglich war jemand anderes beauftragt uns das Cover zu zeichnen. Das ging aber total in die Hose. Daraufhin standen wir kurz vorm Termin fürs Presswerk und hatten gar nichts. Wir haben dann im Internet gestöbert, gesucht und gefunden und denjenigen – den Engländer Paul Scott Canavan – angeschrieben ob wir dieses benutzen können. Und dann war da ein Copyright von LucasArts drauf!
Er hat aber gemeint, dass er uns eins machen wird – aber das kostet. Da hab ich dann gemeint, Geld ist leider nicht drin, weil wir unsere Produktionskosten usw. haben. Daraufhin hatten wir ein bisschen Email-Kontakt. Er fand uns dann wohl ganz lustig und hat gesagt: Okay Jungs – ich mach euch einfach eins und gut ist!

T: Er wollte nur die Credits.

R: Die hat er dann auch bekommen – im Booklet und auf der Homepage.

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MA (T): Ihr hebt euch stark von den anderen Bands auf KB Records ab, tourt aber viel mit den Krawallbrüdern und ähnlichen Bands. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so leicht ist, die Fans dann die wegen den Krawallbrüdern hingehen mit eurer Musik zu überzeugen.

R. (seufzt) Das ist richtig. Das ist schwer.

Chris: Es ist generell schwer als Vorband für eine Band wie die Krawallbrüder – die ja einen Onkelz-Status hat – zu spielen. Das weiß jeder, der mal auf einem Onkelz-Konzert war. Da ist auf die Vorband geschissen worden. So extrem ist es jetzt bei uns zwar nicht, aber du merkst halt schon, dass die nur  wegen den Krawallbrüdern da sind.

T: Es würden nicht weniger Leute kommen, wenn keine Vorband da wäre.

MA (L): Heutzutage vermischten sich Fans und Stilrichtungen doch mehr als früher und es funktioniert oft ganz gut. Werden die Leute offener?

C: Das Punk-/Skinpublikum hat ihre ganz bestimmten Favourites – einen Stil worauf sie abfahren – und da passt unser Metal-Einschlag gar nicht rein.

MA (L): Wenn sich aber der gemeine Metaller öffnet und auch mal Punk anhört, vielleicht funktioniert es auch andersrum.

C: Es sind schon immer wieder einzeln Metaller auf den Krawallbrüderkonzerten zu sehen. Und es werden auch mehr – hoffen wir. Und wenn uns zwei, drei Metaller sehen und die Botschaft verbreiten…

MA (L): Einer muss halt anfangen. Es wird zukünftig bestimmt auch besser als in der Vergangenheit.

C: In Freiburg waren Leute nur wegen uns da.

R: Haben sie zumindest behauptet. (lacht)

T: Bei den Leuten, denen die Musik gefällt, haben wir uns auf jeden Fall einen guten Bonus erspielt. Das wollen wir in Zukunft auch in anderen Bereichen erreichen. Metal-, Punk-, Hardcore-Szene – wir schauen einfach mal. Wir machen Musik, die jeden ansprechen könnte und nicht in eine Schublade gesteckt werden kann. Jeder kann sich raussuchen, was ihm am besten gefällt.

MA (L): Ihr vertretet ja schon rein optisch diese Mischung: Shirts von Running Wild, Sodom und Legion Of The Damned…

R: Das ist ja bei uns auch der Grund, warum unsere Musik so ist wie sie ist. Wir sind durchweg verschiedene Personen, die musikalisch irgendwo doch den gleichen Nenner haben.

T. Es ist nicht nur auf Metal bezogen. Es ist eine Einstellungssache. Keiner von uns ist auf eine bestimmte Musikrichtung festgefahren. Jeder von uns weiß, dass Punk, Metal und Hardcore zusammengehören, alle den gleichen Ursprung haben. Ich finde es auch immer schade, wenn Leute sagen: „Ich hör‘ nur Punk, Metal ist scheiße“ oder Metaller sagen „Ich find‘ Punker scheiße“.

MA (T): Spielt „Unity Remains“ auf diese Thematik an? Dass die Einheit in der Szene noch schöner sein könnte.

R. Ja, vor allem aber auch szeneübergreifend. Die Musik ist der Schlüssel.

T: Auf Oi-Konzerten  – wo wir viel unterwegs sind – wird auch viel von „Unity“ gesprochen. Denen geht es aber um „Punks und Skins United“.

R: „Unity Remains“ ist auf eine einzelne Person bezogen, die ausbrechen soll.

MA (T): Dieser Song ist ein wunderbares Beispiel, dass auch die Texte bei euch nicht die Klischees erfüllen, die bei vielen anderen Bands des Genres omnipräsent sind. Bei denen es dann nur um Bier und um saufen geht.

MA (L): Darum geht’s danach.

C: Genau! (lacht)

R: Es ist uns auch wichtig, dass man mit den Texten was rüberbringt. Nur Sinnloses zu schreiben, da haben wir keinen Bock drauf. Wir versuchen mit jedem Lied etwas zu vermitteln. „Flood of Blood“ handelt von Tierquälerei. „South Of Hessen“ geht natürlich um unsere Heimat – Lokalpatriotismus. Dies ist uns auch irgendwo wichtig.
Wir hatten beim dem Lied sogar überlegt, ob wir uns Gastsänger dazuholen, aber dann fanden wir das Lied selbst so gut, dass ich keine Strophe hergeben wollte. Zumal die Strophen deutsch sind und ich noch die eine deutsche Strophe gesungen habe.

T: Wir haben es aber auch geschafft, mit dem Lied keine platte Lokalpatriotismushymne zu schreiben. Die ist textlich super gelungen!

R: „Rule The Apocalypse“ handelt von einem Film  – „Ragman“ – aus den 80ern. „Trick Or Treat“ wurde er dann genannt. Da geht’s halt um einen Typ, der eine Platte von einem verstorbenen Musiker rückwärts abspielt. Den Film hab ich schon als kleiner Kerl gemocht und mir gedacht: Schreib ich mal ein Lied drüber.
Dark Empire“ geht um Vampire. „Forgotten Soldiers“ geht um Kindersoldaten. Weil es hier bei uns keiner vor Augen hat, interessiert das leider niemanden bei uns. Dabei ist das Thema da – aktueller denn je.
Holy Damnation“ wendet sich gegen Religionen jeglicher Art. Denn irgendwann wird es so kommen, dass es einen Krieg gibt, für den keine Sau was kann und wir dann drunter leiden.

T: Natürlich hat keine Religion den Sinn jemandem anderen zu schaden. Es geht eher darum, was aus Religionen geworden ist, wie die Leute damit leben.
Der kleine Mann auf der Straße oder die Leute die in die in die Kirche gehen – die glauben an das Gute, für diese Personen gibt die Religion Hoffnung. Aber die meisten Kriege entstehen eben aus Glaubenskonflikten. Von daher ist es leider ein Thema. Unter diesen Kriegen – für die die kleinen Menschen nichts können – leiden sie dann.

MA (T): In dem Sinne würde „Unity Remains“ auch wieder sehr gut dazu passen. Wenn es mehr Einheit geben würde, würden sicher auch weniger Konflikte entstehen.

R: Genau da knüpft „Feel The Force“ an. Bei diesem Song haben wir Wert drauf gelegt ihn im Chor zu singen. Damit dann gut rüberkommt und die Leute fühlen, wie es wäre, wenn mal richtig Dampf dahinter ist.

MA (T): Was haltet ihr denn von den ganzen Deutschrock-Onkelz-Hype der momentan durch Deutschland geistert? Es sprießen überall Tribute- und Coverbands aus dem Boden, und Bands wie Freiwild versuchen eine Lücke zu füllen.

R: Zuerst einmal: Jeder kann machen, was er will. Doch wie manche Bands abgefeiert werden, finde ich etwas überzogen. Am Wochenende ist überall ´ne andere Coverparty und Bands, die keine eigene Musik machen werden abgefeiert, während Bands wie wir – die musikalisch selbst was erschaffen wollen – es dann schwer haben.
Wenn du auf einem Konzert mit einer Onkelz-Coverband spielst und dann „Mexico“ dazwischen gerufen wird, da wirst du dann schon aggressiv.

T:. Die Lücke, die nach den Onkelz entstand, versuchen Bands wie Freiwild, Krawallbrüder und auch die Broilers zu füllen. Das sind auch Bands, die das auch auf eine gute Art und Weise machen.

MA (T): Wobei es diese ja auch schon parallel zu den Onkelz gab.

T: Ja. Nur hat es allen denen keinen Vorteil geschaffen. Solche Bands kommen plötzlich kürzer, weil sich die Leute dann doch lieber die Coverband anhören und die individuellen Bands außer Acht lassen.

MA (L): Vielleicht hat das Publikum auch keinen Bock sich mit neuen Sachen zu beschäftigen. Frei nach dem Motto: „Das kenn ich – da kann ich mitbrüllen“. Ihr hingegen macht euch Gedanken und keiner hört zu – eben weil ihr euch Gedanken macht.

R: Das Lustige daran ist ja, dass da viele im Publikum sind, die die Onkelz noch nie live gesehen haben.

C: Diese 14-Jährigen, die jetzt merken: Oh, das ist geile Mucke! Die haben sie verpasst und feiern jetzt die Coverbands ab wie die echten Onkelz. Ich meine, ich bin damals auch den Onkelz hinterher gerannt wie verrückt und sehe sie auch heute noch als meine musikalische Grundlage. Ich kann aber heute auch nichts mehr damit anfangen.

MA (T): Sascha, euer zweiter Gitarrist ist ja vor kurzem ausgestiegen. Wie klappt es denn so zu viert auf der Bühne?

R: Gut. Wir haben mehr Platz auf der Bühne und im Auto. (lacht)

R: Er fehlt auf jeden Fall. Es fehlt ein Mitglied. Er war ja fest mit der Band verbunden. Dass er live auch fehlt ist klar – aber wir kommen zurecht. Auf Grund dessen, dass wir jetzt einen Bassverzerrer haben statt mit trockenem Bass zu spielen können wir die Songs noch ziemlich realistisch wiedergeben.

C: Nach dem ersten Gig ohne Sascha war es für uns schon spannend, was die Leute sagen würden. Dass der Mischer danach gesagt hat, es war sauber und man hat nicht gemerkt, dass die zweite Gitarre fehlt, war dann schon wichtig. Mit Bassverzerrer denkst du dann schon : Hoffentlich ist es jetzt nicht irgendwie überzogen und klingt total daneben. Kam aber soundtechnisch anscheinend doch ganz gut an.

R. Es ist aber auch wichtig, dass der Bassist gut spielen kann!

C: Ich muss schon besser spielen. In der Vergangenheit hab ich es mir schon manchmal leicht gemacht und den Bass einfach tiefer gehängt. Jetzt hängt er höher. Ich kenn das ja von Klamm, bei der ich früher gespielt habe. Wenn ich mich jetzt verspiele, dann hört man das halt. Früher war da noch eine zweite Gitarre. Jetzt muss ich mich schon ein wenig zusammenreißen.

MA (T) Habt ihr denn in neuer Konstellation mit Chris schon an neuem Material gearbeitet?

T: Ja. Wir sind dabei. Wir wissen ja wie lange es sich beim letzten Album gezogen hat und haben deswegen direkt im neuen Jahr mit dem Songwriting angefangen.

MA (T): Ich stell mir das bei euch zeitlich auch immer schwierig vor. Ihr geht arbeiten, spielte viele Gigs am Wochenende und probt unter der Woche auch noch. Wo bleibt da noch Zeit zum komponieren?

R: Abends daheim. Tober schreibt viele Lieder zuhause und bringt sie dann direkt mit in die Probe. Chris rafft sehr schnell und ich schreib alle Texte und hab‘ immer zwei/drei dabei. Dann gucken wir, welcher am besten passen würde, damit ich mich nicht auf einen versteifen muss.

MA (L): Es vergeht viel Zeit von der Idee bis zur Aufnahme. Feilt ihr bis zum Schluss an den Stücken oder lasst ihr die Songs im Grunde so wie sie sind?

T: Wir bauen in der Probe quasi das Grundgerüst. Im Studio – gerade jetzt beim Vitali – wird der letzte Feinschliff gegeben. Das war beim ersten Album nicht so. Da hatten wir die Lieder genau so aufgenommen, wie wir sie immer schon live gespielt hatten. Die standen bereits schon. Die neuen Songs waren zwar im Grunde auch schon fertig und wir hätten sie so aufnehmen können, haben aber im Studio noch Veränderungen vorgenommen.

R: Was sowohl bei der letzen als auch bei dieser Aufnahme der Fall war, dass das Booklet schon fertig ist, aber nicht mit den Texten auf der CD übereinstimmen, weil man im Studio dann doch noch merkt, dass sich das ein oder andere so besser singt oder besser platziert ist.

MA (L): Das erklärt die vermeintlichen Druckfehler in so manchen Booklet.

MA: Vielen Dank für das Interview!

(lkb, mk)

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Hier gibt es mehr zu The Suicide Kings:

www.TheSuicideKings.de
www.MySpace.com/TheSuicideKingsPunk

Live-Termine:

13. Mrz 2010 – Sägewerk Neukirchen, Hessen
27. Mrz 2010 – Beteigeuze Ulm, Baden-Württemberg
14. Apr 2010 – Nachtleben Frankfurt, Hessen
17. Apr 2010 – Forellenstube Schramberg, Baden-Württemberg
05. Jun 2010 – Morgenrot Open Air Saalfeld, Thüringen
12. Jun 2010 – Hard East Open Air Lindenau, Brandenburg
24. Jul 2010 – Back on the streets part VI Waldlaubersheim
22. Okt 2010 – Boogalu Pfarrkirchen
23. Okt 2010 – Lindenhof Ellrich
06. Nov 2010 – Hof 23 Berlin

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