The Hirsch Effekt – „Holon: Agnosie

Verfasst am 14. April 2015 von Gringer (Kategorie: CD-Rezensionen) — 798 views

Ich war schon lange nicht mehr so gespannt auf ein Album wie auf dieses. Ich bin mit den Vorgängern derart zufrieden, dass es mir auch egal gewesen wäre, wenn sie jetzt totalen Schrott abgeliefert hätten.
Doch die befürchtete Selbstdarstellung durch bloßes Gefrickel blieb zum Glück aus und es ist kaum zu glauben, aber die Hirsche haben tatsächlich einen homogenen Nachfolger bzw. einen schlüssigen (End)Teil drei geschaffen.

Was ich THE hoch anrechne, ist, dass sie alle Stile kunstvoll verbinden, ohne sie mit harten Breaks nur nacheinander abzuhandeln. THE machen einen Fluss aus allem. Wie sie es teilweise schaffen von Black-Metal-Gekreisch zu poppigem Taptaptpadada überzuschwenken, ohne das es einem seltsam vorkommt, ist mir selbst ein Rätsel.
Ich glaube, das nennt man Können. Wunderbar bewiesen wird dies im alles enthaltenen Track „Bezoar“.
Im die Holon-Reihe komplementierenden Album sollte sich jeder Fan wiederfinden und irgendwo ein Lied entdecken, dass ihn zu 100 Prozent glücklich macht. In meinem Fall sogar fast „full house“.
THE ist aber auch eine Band, die durch ihre Vielfältigkeit Fans haben kann, die zwar mit einem Song, aber mit dem Rest nichts anfangen können. Ich bin da kein Kostverächter und feiere lieber alles ab. Ich habe jedenfalls beim erstmaligen Hören einfach Lust gehabt mich nackt auszuziehen, mit Dornen zu schlagen, im Gummibärenregen zu tanzen und erhobenen Hauptes eine Zuckerwattekrone zu tragen und lakritzfarbene Rosenwassertränen zu vergießen. Wer das nicht nachvollziehen kann, dem sei einfach gesagt: wer „Fixum“ mag, wird das Album lieben – meines Erachtens die perfekte Auskopplung und ein Spiegel des Albums.

Dieses Album ist natürlich keine Ansammlung fluffiger Sommersongs, sondern verlangt das gesamte Gehör. Man wird nicht einfach nur zerfetzt wie nach einem Dillinger-Album oder wird braindead wie nach Meshuggah. Nein, die Hannoveraner nehmen dich auseinander, schießen dich ins All und setzten dich wieder zusammen. Nur nicht so, wie du vorher warst. Und genau das ist das Geschenk. Man freut sich über jeden Schlag und reckt seine Wange bereitwillig hin, weil man das süße Wundenlecken danach kaum erwarten kann.

Man kann es nicht beschreiben. Erlebt es einfach! Kurzum – wir haben hier alles, was wir von dem Trio kennen und lieben und noch bisschen mehr. Immer wenn ich dachte, mehr Stile kann man nicht mixen, kam mit dem nächsten Song eine neue Überraschung um die Ecke. Spätestens bei „Athesie“ musste ich dann schon lachen, was sie noch für Töne parat haben.

Das Artwork wurde unverkennbar wieder von Alejandro Chavetta gestaltet. Mich stößt es eher ab, als dass es gefällt. Demnach meine persönliche Agnosie. Das man derartige Musik nicht mit einer schönen Landschaftsdarstellung wiedergeben kann ist klar, aber es wird hier immer nur die abschreckende Seite dargestellt. Gerade in den Collagen wäre doch auch Raum für schöne Momente.

Bei aller Euphorie denke ich nicht, das „Holon : Agnosie“ „Holon : Anamnesis“ vom Thron stürzt. „Agnosie“ erscheint mir durch seine Ausgereiftheit einfach ein Stück kühler – zu perfekt. Andererseits, wie schnell kann man ein Hirsch-Album erfassen? Für „Holon : Hiberno“ habe ich Jahre gebraucht. Heute versteh ich das Album. Bei aller Neuerungen schafft es THE nicht, so zu überraschen wie bei den Vorgängern. Bei denen war es noch neu, ungewohnt und anziehend. Nun hört man den Sound schon raus und hat zudem eine gewisse Erwartungshaltung.

Hier kommt jeder auf seine Kosten, wer Gegenteiliges sagt, soll „einfach mal seine verfickte Fresse halten“. Nein, nein, ich hab noch Manieren – ich erlaube mir nur zu zitieren… (lkb)


The Hirsch Effekt Holon Agnosie

Bewertung: 15/15 Punkte
Genre: Prog/Mathcore
Herkunft: Deutschland
Label: Long Branch Records
Veröffentlichungsdatum: 24.04.2015
Homepage: www.TheHirschEffekt.com

Tracklist

  1. Simurgh
  2. Jayus
  3. Agnosie
  4. [Chelicera]
  5. Bezoar
  6. Tombeau
  7. Emphysema
  8. [Defaetist]
  9. Fixum
  10. Athesie
  11. [Tischje]
  12. Dysgeusie
  13. Cotard


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