Pothead

Verfasst am 27. März 2015 von Michael Klein (Kategorie: Interviews) — 1.126 views

Pothead stehen seit Jahren als Sinnbild für erdigen, ehrlichen und sympathischen Rock.
Und genau diesen Eindruck haben die beiden Herren Brad und Jeff Dope auch im Interview hinterlassen, das ich mit der Band kurz vor dem Konzert im Colos-Saal führte.

Pothead Logo

Metal-Aschaffenburg: Hi Jeff, Hi Brad! Als ich euch das erste Mal in Aschaffenburg sah, habt ihr hier nebenan in der ehemaligen Abfüllhalle der Brauerei gespielt.

(Beide gleichzeitig): Ja, ja, ja! Das ABtown-Festival.

Jeff: Wie hieß die Brauerei? Hey…Hey.. Heyland, oder?

Ja, genau, Heylands-Brauerei.

Brad: Das war cool!

Jeff: Aschaffenburg ist so eine schöne Stadt. Als wir das letzte Mal hier waren, war es Sommer. Ich bin ein bisschen herumgelaufen und dachte nur – oh, ist das schön hier! Wir kommen immer wieder gern hierhin.

Hier in Aschaffenburg habt ihr seitdem schon häufiger gespielt. Im Ausland seid ihr aber so gut wie nie zu sehen.

Brad: Ja, das war auch nie unser Ziel. Wir machen ja alles selbst, auch das Booking, deshalb ist es für uns viel einfacher, uns auf Deutschland zu konzentrieren.

Jeff: Es ist ja auch cool, dass wir schon so lange in Deutschland touren. Jetzt kennen wir alle coolen Clubs und Städte und planen unsere Tour immer entsprechend.

Zumal es riskant und aufwendig sein dürfte, sich in anderen Ländern einen gewissen Status zu erarbeiten und von beinahe null anzufangen.

Brad: Ja, absolut. Als wir hier angefangen haben, da waren wir jung und robust genug, um auch mal auf einem harten Boden zu schlafen. Aber jetzt sind wir alt! (alle lachen) Ich glaube, bis heute haben wir auch schon fast 1000 Konzerte gespielt.
In den ersten sechs, sieben Jahren haben wir sehr viele Konzerte gespielt. Das war sehr anstrengend.

Jeff: Da waren wir zum Teil sechsmal im Jahr in Berlin!

Brad: Dort sind wir manchmal einfach zu den Clubs gefahren und haben gesagt: Da sind wir! Lass uns morgen hier spielen! Dann wurden Flyer gedruckt und in der Stadt verteilt und abends war der Club voll. Das hat wirklich funktioniert. Übernachtet haben wir dann immer auf diversen Sofas. Einmal habe ich in einem Wohnwagen geschlafen und bin früh morgens neben einem Hund aufgewacht! (lacht) Das war eine gute Party! (lacht)
Damals war auch das Publikum mehr involviert. Da wurde auch mal eine Gitarre auf der Bühne „übernommen“. (lacht)
Ich erinnere mich nämlich, dass einmal ein Typ vor mir stand und sagte: „Du spielst wie Scheiße!“ Und ich fragte: „Oh! Spielst du auch Gitarre?“ Er meinte dann: „Ja, viel besser!“ Da habe ich ihm die Gitarre gegeben und bin an der Bar einen trinken gegangen. (lacht) Und der Typ auf der Bühne spielt wie Yngwie und alle Leute haben ihn ausgebuht! (alle lachen)

Aber ich denke, dass ihr euch auf diese Art und Weise eine gewisse Fanbase aufbauen konntet, die euch jetzt ermöglicht, weitestgehend autark zu arbeiten.
Konntet ihr feststellen, ob euer Publikum seitdem älter, jünger oder gleich geblieben ist?

Brad: Das ist interessant, dass du das fragst: Gestern kam ein Fan und stellte mir seine Tochter vor. Sie war 22.

Jeff: Ja, genau, sie sagte: „Als ich euch das erste Mal gesehen habe – auf eurem Potstock-Festival – da war ich zehn Jahre alt und ihr habt mir Backstage ein Autogramm auf mein T-Shirt gegeben!“ Das ist doch cool, oder?

Absolut! Und vor allem der Beweis, dass ihr euch um Nachwuchs keine Gedanken machen müsst.
Bist du denn eigentlich schon dabei, neue Songs zu schreiben?

Brad: Ich bin immer im Songwriting. Jeden Tag. Das macht mir in meinem Leben am meisten Spaß. Songs zu basteln.

Und neuerdings stickst du auch, habe ich gehört…

Jeff: Ja, ich habe sogar etwas von ihm! (er zeigt sein Pothead-Zipper mit aufgesticktem Logo; Alle bestickten Artikel im Pothead-Merch macht Jeff selbst – Anm. d. Verf.)

Brad: Ich habe mal in einer Werbeagentur gearbeitet. Da gab es viele handwerkliche Projekte. Zum Beispiel Kupfer ätzen – das hat mir immer gut gefallen – ist aber sehr dreckig. Und giftig!
Sticken ist so ähnlich – da kannst du auch viel machen. Ist aber viel ungefährlicher und sauberer.

Es ist echt bemerkenswert: Ihr habt euer eigenes Studio, macht sämtliche Artworks selbst und bucht sogar eure Shows selbst. Mehr Do It Yourself geht ja kaum noch.

Brad: Ja, das ist komisch. Zurzeit ist das ja bei vielen jungen Bands wieder voll in. Aber das ist normal, dass jede Generation sagt: Wir sind die ersten! Dabei haben das ja schon die Punks in den Siebzigern so gemacht. Ich fand das schon immer cool!

POTHEAD_foto_MB8899_510Nur, warum macht das sonst niemand so konsequent wie ihr?

Brad: Ich weiß nicht. Als beispielsweise das Internet immer mehr aufkam, da haben wir uns mit HTML beschäftigt und eine Website erstellt. Wir sind fest davon ausgegangen, dass ein paar Monate später alle Bands eine Website haben werden. Das neue Medium war da und man konnte plötzlich direkt Kontakt zu Fans aufnehmen und Sachen selbst vertreiben. Aber niemand hat es so gemacht. Alle haben nur geschimpft: „Diese beschissenen Plattenfirmen“.

Jeff: Gerade die jungen Bands: Die sind doch jetzt mit dem Internet aufgewachsen. Da müsste man meinen, dass es mehr so machen. Stattdessen wollen alle einen Label-Deal und unterschreiben sogar 360°-Verträge, die den Bands alles entreißen…

Ihr habt mit Janitor Records ja sogar euer eigenes Label. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, andere Bands darüber herauszubringen?

Brad: Weißt du – wir haben ein paar Mal mit der Idee gespielt. Einmal waren wir kurz davor. Doch dann hatte die Band damals angefangen zu meckern. Und wir waren plötzlich in einer Situation, in der wir gar nicht sein wollten.

Jeff: Wir wollen doch die sein, die meckern! (alle lachen)

Brad: Da wurde uns klar: Nein, wir wollen keine Plattenfirma sein! Später hatten uns Colour Haze ihre Demos geschickt. Denen haben wir auch gesagt: Macht es doch selbst. Und auch die hatten Erfolg damit!

Sind denn diese Erfahrungen auch der Grund, warum ihr niemals Vorbands habt?

(kurze Stille, dann ein Schmunzeln)

Brad: Vielleicht. (lacht)

Jeff: Nee, es ist so viel einfacher. Wir spielen ja ungefähr zwei Stunden. Danach sind ohnehin alle satt. Und mit Vorband ist es viel mehr Aufwand.

Brad: Wir hatten früher auch Vorbands – aber eben immer wieder Probleme. Zum Beispiel beim Soundcheck. Einmal war schon die komplette Bühne vollgestellt als wir ankamen (lacht). Das gab dann lange Diskussionen, bis sie eingesehen haben, dass das so nicht funktioniert. Aus Trotz haben sie ihre Sachen dann genau vor der Bühne aufgebaut und versucht, das Publikum gegen uns aufzubringen (lacht). Die Ansage war dann so: „Wisst ihr, warum wir hier unten stehen? Weil Pothead wollen, dass wir hier unten spielen!“ Das war peinlich. So ein quatsch.

Jeff: Es ist alles einfacher. Soundcheck, Essen, Einlass. Und viele Leute freuen sich auch, wenn nur eine Band spielt und nicht noch mehrere Vorbands.

Das stimmt. Drei oder vier Vorbands sind zum Teil echt anstrengend. Das ist für alle Parteien dann oft unzufriedenstellend.

(Der aktuelle Ersatz-Drummer Robert gesellt sich mit in die Gesprächsrunde)

Robert: Genau, wenn dann den Vorbands auch noch schlechterer Sound gemischt wird, dann ist das für alle blöd.

Außer vielleicht für eine Hauptband, die mit so vielen Vorbands noch Geld verdient.
Das einzige, bei dem ich mir vorstellen kann, dass es euch noch mehr nervt als Probleme mit Vorbands, ist der ständige Vergleich eurer Alben mit „Learn To Hypnotize“. Sehr ihr das Album als Fluch oder Segen?

Brad: Ach – die „Hypnotize“ ist eigentlich eine schöne Erinnerung. Vor allem, weil wir damals eine Plattenfirma hatten, die uns ständig im Weg war. (alle lachen)
Damals wollten sie z. B. ein bisschen Musik vorab hören. Also haben wir ihnen etwas geschickt.

Jeff: Als wir dann nachfragten, ob es gefallen hat, hat die Person, die uns damals betreute gesagt: Es ist Wochenende – ich höre keine Musik am Wochenende! (lacht)
Echte Music Lover! (lacht)

Brad: Eine andere Mitarbeiterin dachte, dass „Wild Thing“ von Mr. Ed Jumps The Gun ist und war ganz überrascht, als ich ihr erklärte, dass es eine Coverversion ist. „Wild Thing“, you know? (alle lachen)

Aber war „Learn To Hypnotize“ aus eurer Sicht ein Durchbruch? Bzw. gab es denn einen Moment in der Karriere, in der die Nachfrage plötzlich größer wurde?

Brad: Hm. „Hypnotize“… Nein, „Rumely Oil Pull“ lief auch schon gut. Da waren wir gerade in der Schweiz, als wir hörten, dass in der ersten Woche schon 3000 Alben verkauft wurden.

Jeff: Es hat sich eigentlich mit jeder Platte ein bisschen gesteigert.

Brad: Als „Dessicated Soup“ erschien, habe ich mit meinem damaligen, klapprigen Fahrrad immer eine Bier-Fahrrad-Tour zu verschiedenen Kneipen gemacht. In der ersten Kneipe angekommen haben sie unsere Musik gespielt und ich dachte: Wow, cool! Nach einem Weizenbier bin ich dann weiter – und auch im nächsten Club lief Pothead. In der dritten Kneipe auch! (lacht)

Vielen Dank für das Interview! Bis zum nächsten Mal!

(mk)

www.Pothead.de

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