Sinew

Verfasst am 01. Februar 2012 von A. Wissel (Kategorie: Band Of The Month, Interviews) — 4.668 views

Im Gespräch mit den sympathischen Hessen

Marburg liegt nun regional gesehen nicht unbedingt in dem Einzugsgebiet von Aschaffenburg, aber dennoch hat sich diese progressiv-alternative Band durch ihre magischen Auftritte 2008 und 2010 an unsere Herzen nahe genug heran gespielt. Es ist uns in der Redaktion eine besondere Ehre, diese aufstrebende Band zu unterstützen. Kurz vor dem Release ihrer zweiten Platte gibt uns Sinew einen interessanten Einblick in ihre Musik und ihr Verständnis von Bandleben.

Metal-Aschaffenburg: Zuallererst möchten wir wissen, wie und wann ihr euch gegründet habt.

Andreas Mette: Sinew sind aus der Melodic-Punkband Psycho Gambola entstanden, die drei Platten veröffentlichte und sich dann aufgelöst hat. Ich, Bassist Soti und der damalige Drummer Andreas Tiedemann haben danach ein bisschen orientierungslos herumexperimentiert und neue Songs geschrieben, die dann eher in die Richtung Hot Water Music gingen. Irgendwann kam Sänger Sascha dazu und wieder wurde experimentiert. Es hielt ein Hauch Placebo Einzug in die Musik! Anschließend stieg Tiedemann aus beruflichen Gründen aus und mit dem neuen Drummer Sascha Christ und seinen Vorlieben für Tool und Konsorten waren wir endlich in der idealen Besetzung, um den musikalischen Dingen ihren unbeschränkten Lauf zu lassen. Das war im Jahr 2005, und seitdem sind wir fest zusammen!

Was liebt ihr an eurer Musik am Meisten?

Sascha Junker: Ich liebe die Kraft und die Tiefe in unserer Musik. Egal, ob melancholisch, treibend, sanft oder brachial – immer gibt es da etwas, das mich bewegt und in seinen Bann schlägt. Es liegt eine tiefe Sehnsucht in den Liedern, daher erinnern sie mich an ein verloren geglaubtes Zuhause, das durch die Musik im Innern wieder lebendig und erfahrbar wird.

Andreas Mette: Ich liebe die Power, die da drin steckt. Jemand hat unsere Musik als Sturm beschrieben, der über einen mit 200 km/h hinwegfegt, was ich genau so nachempfinde. Ich liebe auch die Vielseitigkeit, ohne uns Schranken zusetzen, einem Trend zu folgen und in eine Schublade gesperrt zu sein.

Sotirios Kelekidis: Ich hole mal etwas weiter aus: Andreas hat bereits geschrieben, dass wir seit 2005 in dieser Besetzung zusammen sind. Allerdings kennen wir uns teilweise schon wesentlich länger. In dieser Zeit ist natürlich schon einiges passiert, was uns als Band und als Freunde zusammenwachsen hat lassen. Der unbedingte Wille, „weitermachen“ zu wollen, und dafür zu kämpfen, woran man glaubt, hat uns davor bewahrt, nötige Konflikte nicht zu scheuen. Konfrontationen bringen auch die Chance, sich weiterzuentwickeln. Und letztendlich meistern wir diesen Weg jedes Mal aufs Neue. Ich habe das Wörtchen „zusammengewachsen“ schon oft in irgendwelchen Interviews gelesen, begreife aber jetzt erst die Größe dahinter. Wir sind vier Leute, die unser ganzes Sein in unserer Musik verarbeiten und ausleben wollen. Vier Typen, teils sehr verschieden, und doch lässt uns unsere Freundschaft und unsere Liebe, auch zur Musik, immer wieder zusammenkommen. Diese ganzen Höhen und Tiefen spiegeln sich auch irgendwo wieder. Ob auf Platte oder live, wir lieben es, Menschen auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitzunehmen, oder aber auch einfach bei einem leckeren Getränk miteinander Spaß zu haben. Das ist wohl, was ich am meisten an unserer Musik liebe. Meinen Dank an alle Beteiligten!

Bei eurer Debüt-Scheibe werden immer wieder gerne Dredg- und Tool-Vergleiche aufgestellt, aber welche Künstler haben euch denn nun wirklich am Meisten beeinflusst?

Andreas Mette: Dredg muss ich als Einfluss unumwunden zugeben. Die Band war für mich zum Zeitpunkt der Entstehung von „The Beauty Of Contrast“ definitiv das Maß aller Dinge. Tool allerdings weniger. Ansonsten – und das gilt wahrscheinlich noch mehr für die bald erscheinende zweite Scheibe „Pilots Of A New Sky“ – bin ich als Songschreiber wesentlich vom 70er-Progrock (Genesis, Pink Floyd, King Crimson), vom 80er-Pop (A-Ha, irgendwie auch ABBA), von 90er-Noise- und Indiekram (Sans Secours, Breach, Placebo.), vom 90er-Black-Metal (Emperor!) und von einem Haufen an großer Filmmusik (Morricone, Howard Shore, John Williams) beeinflusst. Ich hoffe, ich habe jetzt nichts vergessen…

Welche Intention hattet ihr beim Schreiben der neuen Lieder im Kopf? Welchen Weg habt ihr dann schließlich nach „The Beauty Of Contrast“ eingeschlagen?

Andreas Mette: Ich glaube, jede neue Schreibphase nach dem Abschluss einer Platte beginnt bei uns mit den Fragen: „Wo stehen wir gerade? Auf was haben wir Lust? Wie können wir uns neu erfinden? Welches Feld wäre interessant beackert zu werden?“
Und dann geht’s frisch ans Werk! Wir bemühen uns vor allem, die Wiederholung von bereits Gesagtem und Stagnation zu vermeiden.

Die Schnipsel von „Pilots Of A New Sky“ lassen auf sehr gereifte Kompositionen schließen.
Die jugendliche Härte des Vorgängers scheint dabei dafür etwas verloren gegangen zu sein? Täuscht das?

Andreas Mette: Ehrlich gesagt: „Härte“ ist in Musik, die ja letztendlich Emotion ist bzw. sie ausdrücken oder evozieren soll, ein weit auslegbarer Begriff. Der ruhigste Song auf dem neuen Album, ein minimalistisches Jazz-artiges Stück namens „Life In A Loop“, hat durch seinen mitreißenden Text und seine intensive, nackte Traurigkeit für mich persönlich eine größere „Härte“, als eine brachiale Stromgitarren-Nummer… letztere gibt es natürlich auch auf dem neuen Album zuhauf, aber ich empfinde gerade diese Nummern als weniger hart, sondern eher so „fluffig“ (lacht), was ein blödes Wort…mir fällt aber kein besseres ein. Insofern: Ich finde, wir sind emotional gerade mit der zweite Scheibe eine echt „harte“ Nuss! Und was das „Jugendliche“ angeht: Wir sind verspielt, wir experimentieren und setzen uns keine Grenzen…wie Jugendliche eben…oder Kinder…

Was darf man von Sinew im Jahre 2012, neben der neuen Scheibe, erwarten?

Andreas Mette: Live-Präsenz galore, hoffe ich! Touren, Touren, Touren! Große und kleine Bühnen rocken! Der Durchbruch! Oscar für die besten Spezial-Effekte! Ernennung zum Ehrenbürger der Fidschi-Inseln! „Wetten, Dass…?!“ moderieren! Was man halt so macht…

Sotirios Kelekidis: 2011 war für mich persönlich ein sehr aufregendes Jahr. Es gab so einige Schlüsselerlebnisse, die viel Kraft gekostet haben, andererseits aber auch Entwicklungspotential ermöglichten. „Wenn du schwimmen möchtest, musst du ins Wasser gehen!“. Ich habe dieses Jahr aber auch unglaublich geile Erlebnisse gehabt. Unter anderem deshalb, weil ich seit Anfang des Jahres auch Bassist bei der Death-Metal-Band Morgoth bin. Ich war als Teenager schon Fan von den Jungs und stehe jetzt mit ihnen auf der Bühne. Das ist so was von aufregend und geil, zumal allesamt unglaublich tolle Persönlichkeiten sind. Auch hier an dieser Stelle ein Danke an die „alten“ und neugewonnenen Freunde! Das Ganze macht mir unheimliche Lust auf mehr! Deshalb arbeiten wir mit Hochdruck daran, 2012 präsenter zu sein! Also hier der Aufruf: Wir sind eine geile Band, holt uns zu eurem Live-Schuppen, Geburtstagsfeier, Kirmes (na ja, vielleicht nicht gerade Kirmes), auf eure Tour, oder was auch immer und lasst uns einen geilen Abend zusammen verbringen!

Die Texte haben glücklicherweise auch einen großen Stellenwert bei euch. Mit welchen Themen können wir dieses Mal rechnen?

Sascha Junker: Die Themen sind vielfältig auf „Pilots Of A New Sky“. Mal geht es um den Urknall eines neuen, kollektiven Bewusstseins, dann um die Trauer nach einem Beziehungsende, bevor eine Künstlerin die Schrecken ihrer Kriegserlebnisse wiedererlebt, nur um dann zu erfahren, dass der Weihnachtsmann die Krise des Kapitalismus nicht überlebt hat. Ich habe mir alle Freiheiten genommen, um über das zu schreiben, was mich bewegt. Insgesamt kann ich aber sagen, dass die Verzweiflung des um Authentizität bemühten, existenzialistischen Einzelkämpfers in den Hintergrund gerückt ist, um einer positiveren Sinnsuche Platz zu machen. Unser zweites Album ist sowohl textlich als auch musikalisch farbenfroher und tiefer geworden. Die großen Fragen des Menschseins lassen mich aber nach wie vor nicht los, und ich arbeite mich an ihnen auch mithilfe der Texte ab. Ich habe dieses Mal auch noch mehr Sorgfalt und Mühe in die Lyrics investiert, und dabei konnte mich das Geschriebene auch immer wieder selbst überraschen. Ich habe mir selbst Botschaften geschrieben, die ich erst später verstehen konnte bzw. viel besser zu Situationen passten, die beim Schreiben noch gar nicht aktuell waren. So habe ich gewissermaßen einen Soundtrack für meine eigene spirituelle Entwicklung geschrieben, was eine für mich ziemlich abgefahrene und coole Erfahrung war und nach wie vor ist. Diese Form des intuitiven Schreibens möchte ich beim nächsten Album gerne vertiefen und schauen, was dabei passiert.

Der letzte Satz ist für euch zur freien Gestaltung:

Andreas Mette: 2012 wird ein verdammt gutes und kraftvolles Jahr! Am 21.12. ist der Maya-Kalender zu Ende, ab dann geht es erst richtig los!

Sotirios Kelekidis: Das mit dem Maya-Kalender ist natürlich ein super Aufhänger! In den Medien wird viel Endzeitstimmung verkauft. Anscheinend braucht man das genau so, um sich mit einem derartigen „Thema“ auseinandersetzen zu können. Ich bin jetzt keiner, der glaubt, dass an diesem Datum was Schreckliches passiert. Vielmehr hege ich die Hoffnung, dass sich ein positiver gesellschaftlicher Wandel vollzieht, schon alleine deshalb, weil soviel darum geredet wird. Der Titel unseres neuen Albums lautet „Pilots Of A New Sky“. Jeder, als sein eigener Navigator, hat die Kraft, sich und sein nächstes Umfeld und damit auch „die Gesellschaft“ als solches ein wenig zu verändern. Und sei es nur, um als Inspiration zu dienen. Schließlich ist man ja auch ein Teil der Gesellschaft. Man kann sich dem nicht entziehen. Teilt man Liebe, Mitgefühl, Verständnis und dergleichen, so folgt dies nicht dem Gesetz der Massenerhaltung. Im günstigstem Fall wird sie durch Teilung größer. Was ich damit sagen wollte, ist, es gibt genug gesellschaftspolitische Themen, die angepackt werden (müssen). Weltwirtschaft(-skrise), Terrorismus, Arabischer Frühling, Hungersnöte, Globalisierung, Anonymous, Umweltzerstörung und hunderte weiterer Schlagwörter für das, was uns zurzeit bewegt und für das gekämpft wird. Die Idee für ein geeintes Europa stößt aufgrund der „Eurokrise“ momentan nicht gerade unbedingt auf positive Resonanz. Meine Idee vielmehr: Hoffnung, geht aber noch wesentlich weiter. Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry hat eine Welt geschaffen, in der verschiedenste Spezies in friedlicher (Ko)-Existenz zusammenleben können. In dem Zusammenhang erscheinen die Wörter „Nation“, „Grenzen“, „Rasse“ furchtbar kleinkariert und unbedeutend. In deren Fall war der Auslöser wohl eine „Bedrohung“ von außen, was ein Zusammenrücken der Erdenbewohner initiierte. Vielleicht steht uns das ja in näherer Zukunft auch bevor und wir können damit unserer Treiben auf der Erde durch eine andere Brille sehen. Wichtig ist aber wohl, dass jeder sich und seinem Umfeld einen positiven Anstrich verleihen kann. Und zwar jetzt und gleich. Dieser positive Anstrich kann hochgradig ansteckend sein und warum soll so etwas nicht zur Pandemie werden!?

Andreas Mette: Läuft!

Danke an die Band für diesen sehr interessanten Aus- und Einblick. Tolle Songschnipsel zur neuen Platte gibt es bereits auf der Facebook-Seite der Band zu belauschen. Wir sind gespannt und bleiben am Ball!

(aw)

www.Sinew.de//www.Facebook.com/OfficialSinew

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